“Man muss für das kämpfen, was man liebt” – Eine Rezension zum Film Wunderkinder (30.10.2011)

::Filmtipp::


Ich mag das Wort “kämpfen” nicht. Ich ersetze es durch “auseinandersetzen”, “streiten”, “sich einsetzen für”, “reden”. Denn mit kämpfen bringe ich Krieg, Feinde und Gegner in Verbindung. Es trennt und führt nicht zusammen. Dagegen: die friedliche Auseinandersetzung, miteinander reden. Das führt auch nicht immer zusammen, macht aber den Weg dafür frei.

Heute aber habe ich den Film “Wunderkinder” gesehen. Und in diesem Film fällt eben dieser Satz gleich mehrfach: “Man muss für das kämpfen, was man liebt.” Und in der Handlung des Films trieb mir dieser Satz die Tränen in die Augen. 1941. Ein Dorf oder eine kleine Stadt in der Ukraine. Zwei Wunderkindern, eines an der Geige, das andere am Klavier, droht durch die einmarschierten Deutschen der Tod. Sie sind Juden. Ein drittes Kind, Tochter eines deutschen Geschäftsführers, der in dieser Stadt eine Brauerei leitet, hat gerade Freundschaft mit diesen beiden geschlossen, als die deutsche Wehrmacht unter Hitler die Sowjetunion überfällt. Auch sie spielt Geige.Die Handlung, die sich hieraus entwickelt, ist eine sehr fundamentale: Die Liebe tritt gegen den ungebändigten Hass an. Und sie gewinnt nicht nur. Sie verliert viel. Sehr viel. Unmenschlich viel. Aber sie überlebt. Das gelingt nur, weil der Hass noch gar keine Chance hatte, sich in diesen jungen Kinderherzen einzunisten. Und, weil sich auch einige Erwachsene gegenüber diesem Virus immun zeigten.

Neben der Liebe und dem Hass tritt noch ein weiterer Protagonist auf, der vielleicht noch gründlicher, noch grausamer ist als der Hass: die Perfektion. Konstantin Wecker spielt einen SS-Standartenführer, der dieser Perfektion Leben und Tod unterstellt. Das Zusammenspiel dieser Dreien, der Liebe, des Hasses und der bis zur Perfektion pervertierten Perfektion, weist weit über den konkreten historischen Rahmen des Films hinaus: Nur die Liebe, verkörpert und versinnlicht auch in der Musik, und füreinander da zu sein, machen den Menschen menschlich und ein Leben miteinander und nicht gegeneinander möglich.

Ein Film, dem man noch viele Zuschauer wünscht. Eltern sollten ihn mit ihren Kindern gemeinsam schauen. Er bietet Stoff für gemeinsame Gespräche. Mütter und Väter, die ihren übertriebenen Ehrgeiz an ihren Kindern ausleben, bringt er darüber hinaus vielleicht zum Nachdenken.Der Film ist wohl nicht gut gelaufen in den deutschen Kinos. Ich habe ihn – gemeinsam mit der Schauspielerin Veronika-Nowag Jones, die selbst in diesem Film mitspielt – in einem kleinen, aber feinen Programmkino in Berlin gesehen. Eine kurze Suche listet für diesen Film nur drei Kinos in Berlinauf. Eine traurige Bilanz für diesen wertvollen, international prämierten Film.Ich habe Veronika Nowag-Jones am 18. November in meinem Talk zu Gast. Dort wird auch dieser Film noch einmal Gesprächsthema sein. Auch das Publikum hat dort Gelegenheit, Fragen zu stellen.


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