Ein Versuch, Grass und seine Kritiker zu verstehen – Reflexionen zu Grass und zu den Reaktionen auf ihn – eine Art Tagebuch

An dieser Stelle werden in den nächsten Tagen sicherlich noch einige Fortsetzungen, ergänzend zu den unten stehenden Fragen und Überlegungen, folgen. Bisherige Einträge: 

5. April 2012 E-Mail an Schirrmacher und Gedicht

9. April 2012: Was ist Antisemitismus?

9. April 2012: Fragen an mich selbst – zur Grass´ Mitgliedschaft in der Waffen-SS

10. April 2012: Das verheerendste an der “Diskussion” um Grass´ Gedicht und seine Person: Der Verlust der Gesprächsfähigkeit

11. April 2012: Eine Debatte scheint doch möglich

13. April 2012: Der Publizist und Nahost-Experte Michael Lüders kann helfen die Debatte zu beleben und zu versachlichen

13. April 2012

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Heute früh äußerte sich Michael Lüders, Nahost-Eperte und Publizist, im Deutschlandfunk zum Konlikt um den Iran und Israel. Seine ausgewogene, kenntnisreiche Argumentation hebt sich für mich stark heraus aus der üblichen, häufig mit Vorurteilen, Vorverurteilungen und gegenseitigen Anfeindungen beladenen Berichterstattung, nicht nur weil Lüders den Iran nicht per se als Teufel an die Wand malt, auch, weil er vor den Gefahren eines Krieges warnt und dessen Folgen, nicht nur für Iran und Israel, sondern für die Region insgesamt und darüber hinaus, womit der Bezug zum Gedicht von Grass und seinen Kritikern hergestellt wäre. Eine Einschätzung der Lage, die, so ist zu wünschen, weite Verbreitung finden und die Diskussion beleben und zugleich versachlichen wird. Sie kann auch helfen, Misstrauen und Angst, die der aufgeladenen Situation aus meiner Sicht psychologisch zugrunde liegen und natürlich auch in der historischen Entwicklung und dem Holocaust, der Shoah, wurzeln, entgegenzuwirken. Vertrauen zu schaffen ist eine schwierige Aufgabe; für den Frieden ist Vertrauen unerlässlich.

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11. April 2012

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Jetzt werden doch vermehrt Stimmen laut, die sich auch die Mühe machen, ihre kontroversen Ansichten zu begründen. In der Süddeutschen hat sich Alfred Grosser geäußert und Grass verteidigt. Zuvor, sehr gegensätzlich zu Grosser, machte die Linguistin und Antisemitismusforscherin, Monika Schwarz-Friesel, Grass schwere Vorwürfe; sein Text bediene antisemitische Klischees; sie verweist aber auch darauf, dass die ganze Debatte “sehr emotional und verkürzt geführt” wird. Das Interview mit ihr enthält einige sehr interessante Erklärungen zum Antisemitismus. Man sollte beide Interviews zusammen lesen.

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Diejenigen, die, wie so viele, vorschnell und undifferenziert mit dem Antisemitismusvorwurf um sich schlagen, sollten wiederum diesen Beitrag von Moshe Zuckermann durchdenken: “Wer Antisemit ist, bestimme ich! – Kaum ein Begriff wird in Deutschland derart inflationär und verantwortungslos verwendet wie der des Antisemitismus. Das aber schadet dessen Bekämpfung.”

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10. April 2012

Das verheerendste an der “Diskussion” um Grass´ Gedicht ist vielleicht, dass es keine Diskussion gibt, die diese Bezeichnung verdienen würde; viele Stellungnahmen, die, die in den deutschen Medien durchdringen, und Handlungen beider Seiten zeugen von offenkundiger Gesprächsunfähigkeit.

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Franz Alt hat einmal diesen Satz geschrieben: “Dem Ende der Liebe geht immer das Ende der Gesprächsfähigkeit voraus.” Wie wahr! Die fehlende Gesprächsfähigkeit aber hat sich seit langem in vielen Köpfen eingenistet; sonst hätte Krieg als Mittel zur Durchsetzung politischer Ziele unmöglich gegenüber der Diplomatie wieder die Oberhand gewinnen können; gerade höre ich die US-Außenministerin im Deutschlandfunk an den Iran gerichtet sagen, dass die Zeit für Diplomatie nicht “unbegrenzt” sei, “time for diplomacy is not infinite“. Bewegen wir uns etwas weg von diesem Krisenherd und kehren vor der eigenen Haustür: Waren die für die südeuropäischen Länder der Eurozone verordneten Einsparungen zu irgendeinem Zeitpunkt von Diplomatie auf Augenhöhe getragen? Oder haben nicht auch hier Schuldzuweisungen, Vorwürfe (Unterstellungen?) und Boulevard auch in den so genannten Qualitätszeitungen die Entwicklung bestimmt und bestimmen sie bis heute, trotz der schlimmen, für jeden der sie sehen will, sichtbaren Folgen in Griechenland, Portugal und Spanien?

Und dann die jetzigen Äußerungen einiger SPD-Politiker: Reinhold Robbe, “möchte Grass nicht mehr in einem Wahlkampf für die SPD erleben” und kritisiert doch tatsächlich: “Grass habe sich mit seinen jüngsten Äußerungen zwischen sämtliche Stühle gesetzt.” Ja, ist es denn in einem Konflikt grundsätzlich nicht durchaus angemessen, sich “zwischen alle Stühle zu setzen” und sich eben nicht gedankenlos auf eine Seite zu schlagen? “Seine (Grass, T.H.) Zeit ist einfach vorbei”, sagt Robbe noch.  Die Süddeutsche zitiert auch noch den parlamentarischen Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion, Christian Lange mit den Worten: “Mit Grass’ umstrittenen Gedicht Was gesagt werden muss zu Israels Atompolitik habe sich ´die Frage von künftigen Wahlkampfunterstützungen für die SPD erledigt.” Sarrazin aber ist für diese gewissenhaften Herren immer noch salonfähig – dem hat übrigens auch der sich über Grass gehörig echauffierende Schirrmacher (siehe hierzu Eintrag unten vom 5. April 2012) viel Platz im Feuilleton der FAZ eingeräumt und ihn beispielsweise noch in der Weihnachtsausgabe 2010 dessen unsägliche Thesen unwidersprochen auf einer ganzen Zeitungsseite ausbreiten lassen. Noch eines fällt auf, was die Berichterstattung in den Medien anbelangt: Viele Kommentare zu den Artikeln – beispeilsweise in der FAZ – sind anspruchsvoller, nachdenklicher und kenntnisreicher als die Artikel selbst. Es steht nicht gut um den deutschen Journalismus; das freilich ist keine Neuigkeit; bei einem sensiblen Thema wie dem von Grass – vielleicht nicht mit der nötigen Sensibilität und Kenntnis – aufgeworfenem Gedicht sind die Defizite aber besonders prekär und gefährlich. Ausgewogener und nachdenklicher fällt übrigens das Interview mit Wolfgang Thierse, ebenfalls SPD, heute früh im Deutschlandfunk aus, der mich in diesem Fall einmal positiv überrascht hat. Thierse: “Mein Wunsch ist, dass wir die politische Debatte führen, die sich mit den Aussagen von Günter Grass beschäftigt, was ist daran falsch und einseitig, ich habe das vorhin ausdrücklich gesagt, die Bewertung von Iran und Israelis ist auf fatale Weise einseitig, und nicht sozusagen den Eindruck erweckt, nun hier sei ein großer alter Mann zu seinen Anfängen zurückgekehrt; wer so öffentlich darauf reagiert, der erzeugt eine Antisemitismusfalle, aus der dann die ältere und mittlere Generation gar nicht mehr entrinnen kann, und das fände ich falsch.”

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9. April 2012

Immer wieder wird Grass in Zusammenhang mit der Kritik an dessen Gedicht “Was gesagt werden muss” und wohl, um den von vielen Kritikern an Grass gerichteten Vorwurf, antisemitisch zu sein, zu unterstreichen, seine Mitgliedschaft in der Waffen-SS vorgeworfen, und, dass er dies so lange verschwiegen und gleichzeitig andere wegen ihrer Vergangenheit während der Nazi-Herrschaft moralisch angriffen hat. Grass war damals 17 Jahre alt, ist häufig zu lesen und, weniger häufig, dass er zwangseingezogen wurde. Meine Überlegungen dazu:

1. Ja, in der Tat finde ich es frevelhaft und selbstgerecht, so lange über die eigene Vergangenheit zu schweigen, andere aber an den Pranger zu stellen. Gleichzeitig frage ich mich aber aufgrund dieser offensichtlich schweren Irrung – ist dies nicht menschlich, allzu menschlich, die eigene Schuld zu verdrängen und: bin ich selbst davon frei? Hätte ich mich mit 17 der damaligen Gleichschaltung entziehen, selbständig denken können?

2. Ich stelle mir vor: Wäre ich in der Lage gewesen, mich einem Zwangseinzug der SS entgegenzustellen, ja, hätte ich den Mut gehabt, überhaupt Widerstand zu leisten? Werde ich mich einer Horde Neonazis heute mutig in den Weg stellen, wenn sie über einen Mitmenschen herfallen? Ich kann es erst sagen, überlege ich, wenn ich dies tatsächlich vollbracht habe und wünsche gleichzeitig, dass diese Situation nie eintreten wird, und wenn doch, ich tatsächlich den Mut und die Kraft aufbringen werde, mich den Nazis oder jedem gewaltbereiten Menschen entgegenzustellen. Ich erinnere mich an eine Geschichte aus dem Freundeskreis. Eine Freundin erzählt mir, dass ihre Familie Juden auf dem Dachboden versteckt hielt; sie wurden denunziert; der Vater ging daraufhin auf den Dachboden und erschoss sich – um die Familie vom Verdacht der Mittäterschaft und dem sicheren Tod zu retten. Ich erinnere mich an eine Geschichte eines Professors an der Universität; es war eine Diskussion aufgekommen über das altbekannte “wir haben von nichts gewusst” und ein jugendlicher Student erhob gerade mutig seine Stimme und sagte: “Die wollten doch nichts wissen, verhindern hätten sie dies alles können!” Der Professor, Jahrgang 1942, entgegnete ihm ruhig: “Was hättest Du wohl gemacht, wenn eine SS-Staffel mit Dobermännern im Geleit an Deiner Tür geschellt und Dich eingezogen hätte?” Eine Frage, die sich jeder stellen sollte, die nichts entschuldigt, die aber vor Selbstgerechtigkeit bewahren hilft.

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9. April 2012

Was ist Antisemitismus? Ich schlage bei dem von mir verehrten, erst jüngst gelesenen und, wie ich fürchte, allzusehr in Vergessenheit geratenen Jakob Wassermann nach. Er schrieb in seinem 1921 veröffentlichten Essay “Mein Weg als Deutscher und Jude”:

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“Zum erstenmal begegnete ich jenem in den Volkskörper gedrungenen, dumpfen, starren, fast sprachlosen Haß, von dem der Name Antisemitismus fast nichts aussagt, weil er weder die Art, noch die Quelle, noch die Tiefe, noch das Ziel zu erkennen gibt. Dieser Haß hat Züge des Aberglaubens ebenso wie der freiwilligen Verblendung, der Dämonenfurcht wie der pfäffischen Verstocktheit, der Ranküne des Benachteiligten, Betrogenen ebenso wie der Unwissenheit, der Lüge und Gewissenlosigkeit wie der berechtigten Abwehr, affenhafter Bosheit wie des religiösen Fanatismus. Gier und Neugier sind in ihm, Blutdurst, Angst verführt, verlockt zu werden, Lust am Geheimnis und Niedrigkeit der Selbsteinschätzung. Er ist in solcher Verquickung und Hintergründigkeit ein besonderes deutsches Phänomen. Es ist ein deutscher Haß.

Jeder redliche und sich achtende Jude muß, wenn ihn zuerst dieser Gifthauch anweht und er sich über dessen Beschaffenheit klar zu werden versucht, in nachhaltige Bestürzung geraten.”

Bestürzung über Grass herrscht allenthalben. Strahlen sein Gedicht “Was gesagt werden muss” und Grass als Person aber diesen “deutschen Haß” aus, “von dem der Name Antisemitismus fast nichts aussagt”?

Noch einmal Jakob Wassermann aus selbiger Quelle:

“Der Deutsche allein muss ´dichten´, wenn er gesellschaftliche Gebundenheit und Gliederung, wenn er Gesellschaft überhaupt, wenn er Schicksale in Bezug auf Gesellschaft darstellen will. Weicht er dem aus, so zerfließt ihm alles im Unbestimmten, Zufälligen, Phantastischen. Entweder seine Wirklichkeit wird unglaubwürdig, weil übersteigert, krampfhaft vereinfacht, willkürlich umgebogen, oder sie bleibt klein, unmaßgeblich und ohne typische Prägung…Der deutsche Epiker hängt in der Luft, er spielt im Dasein des Volkes keine Rolle, und zwingt er das Augenmerk und die Herzen dennoch zu sich, so spürt er zugleich einen sonderbaren öffentlichen Widerstand, eine ebenso sonderbare heimliche Abwehr, als ginge dies gegen den Ernst und die Würde.”

Ereilt Grass als Dichter jetzt etwa das Schicksal eines “deutschen Epikers”, vielleicht sogar, weil er als Dichter in den Augen seiner Kritiker “krampfhaft vereinfacht, willkürlich umgebogen” hat; hat er es etwa gar versäumt in seinem Gedicht zu ´dichten´?

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5. April 2012

Frank Schirrmacher - ein "Diener der Zeit"?

E-Mail an Frank Schirrmacher (Herausgeber der FAZ) und Nils Minkmar (Feuilletonchef der FAZ). Geantwortet haben sie nicht. Schirrmacher twittert lieber.

Sent: Thursday, April 05, 2012 4:36 PM

Subject: Kurzer Gastbeitrag zu Günter Grass

Lieber Herr Schirrmacher, lieber Herr Minkmar,

den unten stehenden kurzen Text mit Gedicht möchte ich Ihnen gern als Gastbeitrag anbieten. Wie stehen die Chancen, dass Sie ihn hereinnehmen?

Herzliche Grüße,

Thorsten Hild

Aufregung um Günter Grass oder um der Sache willen?

– Was wirklich gesagt werden muss!

Nach Wulff jetzt Grass; erneut gerieren sich die Medien als moralischer und tugendhafter Wächter. Zu recht – doch vielleicht auch recht einseitig, so, wie sie es eben Grass vorwerfen, in seinem Gedicht zu sein. Ich vermag so schnell darüber gar nicht zu urteilen, um ehrlich zu sein, auch nicht darüber, ob die Medien wirklich ihrer Rolle, in der sie sich allzu offensichtlich selbst gefallen, und der Person Grass wie dessen Gedicht in diesem Fall gerecht werden – ob sie gerecht oder lediglich selbstgerecht urteilen.

Was aber liegt näher, als einem Dichter mit einem Gedicht zu antworten? Mit ihm greife ich zugleich die Stellungnahme eines der prominentesten Kritiker von Grass, Frank Schirrmacher, auf, der da meint: “Ein Gedicht ist ein Gedicht, weil es niemals sagt, was Sache ist.” Wie kann einem profunden Feuilleton-Kenner nur so ein Fauxpas unterlaufen? Goethe beispielsweise dichtete ganz konkret “was Sache ist”, auch über Zeitungen, ohne deren Mithilfe, da bin ich mir sicher, die Welt sich nicht zum Besseren wenden lassen wird, vorausgesetzt, sie hören nie auf zu zweifeln und zu hinterfragen, auch sich selbst:

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“Sag mir, warum dich keine Zeitung freut?

Ich liebe sie nicht, sie dienen der Zeit.”

Schirrmacher unterstellt Grass, ein “Dokument der Rache” geschrieben zu haben – und schreibt doch selbst ein wenig wie ein Rächer. Vielleicht steht er damit stellvertretend für den aus der Hüfte geschossenen Kanon der Grass-Kritiker und -Interpreten – wenn Schirrmacher auch mit seiner Kritik eine besonders eloquente und einfallsreiche Komposition geglückt ist. Dies zu schreiben, fällt mir um so leichter, als dass ich Günter Grass noch zu keinem Zeitpunkt Sympathie entgegenbringen konnte, weder als Schriftsteller, noch in seinem politischen Gestus. Doch genug der Prosa, hier mein Gedicht über die Sache, auf die sich Grass und seine Kritiker vielleicht hätte konzentrieren sollen und sollten:

Krieg

Der Krieg zeigt denen sein Gesicht,

Die ihm direkt ins Auge schauen,

Die anderen, sie sehen ihn nicht,

Sie ahnen nur den Tod, das Grauen.

 

Die Worte, die der Krieg sich wählt,

Wenn er der Welt von sich erzählt,

Sie sind abstrakt gehalten,

Er spricht durch die, die ihn verwalten.

 

Ihnen flüstert er ins Ohr,

Ich lasse mich nicht aufhalten,

Und einmal in Gang gesetzt,

Macht er sich dran, die Welt zu spalten.

 

Mit Satellitenbildern, modernen Aquarellen,

Mit geglückten Angriffswellen,

Beginnt der Krieg für sich zu werben,

Legt einen Schleier über die, die sterben.

 

Die andere Seite ist betroffen,

Wagte bis zum Schluss zu hoffen,

Dies alles ließe sich vermeiden,

Doch ihr Tun war sehr bescheiden.

Thorsten Hild lebt als Journalist und Liedermacher in Berlin (www.wirtschaftundgesellschaft.de).

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