Rezension: “Wir müssen leider draußen bleiben – Die neue Armut in der Konsumgesellschaft” von Kathrin Hartmann

::Buchtipp:

Das Buch zum Aufruf

Es gibt im Leben Koinzidenzen, die, treten sie besonders zahlreich auf, den Verdacht aufkommen lassen, dass hier doch wohl kaum nur der Zufall die Geschicke lenkt.

Am 20. April wurde auf Wirtschaft und Gesellschaft der Aufruf “Farbe bekennen – gegen entwürdigende Hartz IV Praxis und für berufliche Förderung” veröffentlicht. Er fand schnell weite Verbreitung. Im Gespräch mit einer der Erstunterzeichnerinnen, die ich um Unterstützung bat, erfuhr ich, dass just in der Woche darauf eine Bundestagsdebatte anstand, in der ein Antrag der Grünen und ein Antrag der Linken über die Aussetzung bzw. Abschaffung der Sanktionen namentlich zur Abstimmung standen. Zwei Tage später flatterte mir ein Buch ins Haus, das sich ausführlich und detailliert mit den Folgen der Agenda-Politik auseinandersetzt und sich in wesentlichen Teilen wiederum wie eine Aufforderung liest, endlich mit der Sanktionspraxis Schluss zu machen. Um eben dieses Buch soll es im folgenden gehen.


Vorher sei aber noch eine weitere Koinzidenz erwähnt. Regelmäßig greife ich mir, wenn es die Zeit zulässt, willkürlich ein Buch aus meinem Regal, um kurz darin zu blättern, eine Art geistige Morgentoilette. Gestern war es das Buch “John Maynard Keynes, On Air, Der Weltökonom am Mikrofon der BBC”. Ich schlug es, noch verschlafen, auf und landete auf Seite 87. Dort las ich: “Meiner Meinung nach ist es nicht Aufgabe von Privatpersonen, mehr auszugeben, als sie naturgemäß ausgeben würden, genauso wenig wie es ihre Aufgabe ist, für die Arbeitslosen durch private Wohtätigkeit aufzukommen.” Soweit Keynes im Gespräch mit Josiah Stamp, seines Zeichens Direktor der Bank von England und Präsident der London, Midland and Scottish Railway, der Keynes beifplichtete. Es gab sie vielleicht doch einmal, Menschen in politischer und wissenschaftlicher Verantwortung, die sich um das Gemeinwohl sorgten und eine entsprechende Politik begründeten und einforderten.

Kathrin Hartmann

Was hätte Keynes angesichts seiner oben zitierten Aussage wohl zu den Tafeln in Deutschland gesagt? Wahrscheinlich hätte er sie ähnlich beurteilt wie es – und jetzt komme ich auch schon zu der Autorin, deren Buch an dieser Stelle besprochen werden soll – Kathrin Hartmann in ihrem Buch “Wir müssen leider draußen bleiben, Die neue Armut in der Konsumgesellschaft” unternimmt. Hartmann hat Kunstgeschichte, Philosophie und Skandinavistik studiert und nach einem Volontariat bei der Frankfurter Rundschau als Redakteurin unter anderem dort und bei Neon, dem jungen Magazin vom Stern, gearbeitet. Möglicherweise liegt es ja daran, dass sie kein Spross jener Journalistenschulen ist, deren Absolventen vielleicht das Handwerk des Schreibens beherrschen, denen es aber allzu häufig nicht gelingt, den Entwicklungen, die die Menschen und die Gesellschaft insgesamt bewegen, kritisch auf den Grund zu gehen und auf diese Art und Weise ihren Teil zur Monokultur im deutschen Medienbetrieb beitragen.

Die Tafelindustrie und Hartz IV

Kathrin Hartmann schreibt über die Tafeln: “Mit dem Verteilen des Überschusses wiegen sie die Gesellschaft in dem Glauben, dass in Deutschland keiner hungern müsse. Dabei kaschieren sie geschickt den Skandal der Armut in Deutschland, der für viele bedeutet, dass sie sich von dem wenigen Geld, das ihnen der Staat zukommen lässt, eben nicht ordentlich ernähren können. Das ist besonders fatal, weil die Prominenz der Tafeln verschleiert, dass es Hungerarmut in Deutschland tatsächlich gibt.”

Hartmann schreibt von “Rentnern in abgetragenen Mänteln, Menschen mit Gehwagen oder Krücken, Migranten, Frauen mit klapperigen Kinderwagen und Trolleys, die Köpfe gebeugt, die Blicke müde, bepackt mit Taschen und abgewetzten Einkaufstüten, die noch übrig geblieben sind aus jener Zeit, als ein Einkauf im Supermarkt oder Discounter zum normalen Alltag gehörte.”

Dadurch, dass die Tafeln versuchen, Versorgungslücken zu schließen, so Hartmann, legitimierten sie den Rückzug des Sozialstaates. Interessanterweise hatte ich vor der Lektüre des Buches selbstverständlich auch die Verbände der Tafeln angeschrieben und um Unterstützung des Aufrufes gegen Hartz-IV-Sanktionen gebeten, habe bis heute aber keine Antwort erhalten. Hartmanns Analyse könnte erklären, warum das so ist: Die Tafelindustrie lebt vom bestehenden System und ihren Förderern, zu denen Multis wie Rewe und Lidl zählen, und deren Geschäftsmodell die Unternehmensberatung McKinsey mit entwarf: “Gleich zwei Publikationen, die für die Öffentlichkeit nicht einsehbar sind, verfasste McKinsey für die Tafeln: das Handuch zur Gründung und das Handbuch zum Betrieb einer Tafel”, hat Hartmann herausgefunden.

Hartmann hat sich selbst in die Menschenschlangen vor Tafeln in München und Berlin eingereiht, mit Betroffenen gesprochen, sie begleitet. Und das zeichnet ihr Buch unter anderem besonders aus. Hartmann erklärt “das System”, dem die Politik seit der Schröder-Ära zum Durchbruch verhalf, aus der konkreten Lebenswelt der Armen – und der Reichen. Hartmann hat mit beiden Seiten gesprochen und fördert damit die ganze Ungerechtigkeit, die von der Politik mit der Agenda 2010 in besonders rücksichtsloser Weise durchgesetzt wurde und weiterhin durchgesetzt wird, in erschütternder Lebensnähe zu Tage; Lebensnähe, die den für diese Politik verantwortlich Zeichnenden vor langer Zeit abhanden gekommen sein muss, sofern sie diese jemals im Auge hatten, als sie sich entschlossen, Politik zu machen.

Vom Konkreten zum Allgemeinen

Doch Hartmann belässt es nicht bei ihrem konkreten Anschauungsunterricht, der den Politikern und Journalisten, die bis heute jene Politik als “notwendig” und “alternativlos” verteidigen, die Schamesröte ins Gesicht treiben müsste. Hartmann stellt die von ihr in den Blick der Öffentlichkeit gerückten menschlichen Schicksale in einen größeren gesellschaftspolitischen Zusammenhang, indem sie wissenschaftliche Studien heranzieht, die die gesamte Dimension dieses – man ist spätestens nach der Lektüre dieses Buches geneigt es so zu nennen – politischen Verbrechens verdeutlichen. Hartmanns klarer Sprache ist es zu verdanken, dass sie beides nahtlos ineinander webt, und dem Leser so die sich hinter den nüchternen Zahlen verbergenden, teils komplexen Zusammenhänge zwischen der Gesetzgebung, ihrer Umsetzung und den konkreten Folgen für Mensch und Gesellschaft verständlich macht. Kommt der “normale” Leser, wenn überhaupt, doch selten in Berührung mit jenen von Hartmann ausgewerteten und zitierten Studien und wird stattdessen tagtäglich von einer nicht immer, aber viel zu häufig einseitigen und verkürzten, meinungsmachenden Medienindustrie abgespeist. Weil dies so ist, setzt sich Hartmann auch mit eben dieser Medienindustrie auseinander und zitiert unter anderem den Soziaphilospohen Axel Honneth hierzu, der jene systemergebenen Journalisten und Feuilletonisten als “normalisierte Intellektuelle” bezeichnet, die nur der herrschenden Meinung nach dem Mund schreiben, “während wahre Gesellschaftskritik die Aufgabe hätte, genau diese gängigen Prinzipien zu hinterfragen.”

Dass eben jene schnell gewachsene Tafelindustrie in ursächlichem wie zeitlichem Zusammenhang mit der Umsetzung von Hartz IV steht, wird unter anderem darin deutlich, dass laut Daten des Panels Arbeitsmarkt und soziale Sicherung von 2007, aus dem Hartmann zitiert, jeder zweite Hartz-IV-Beziehende auf eine tägliche Mahlzeit verzichtet. “Im selben Jahr”, so Hartmann, “verhungerte ein 20-jähriger psychisch kranker Hartz-IV-Empfänger in Spyer. Weil der Sonderschüler keinen angebotenen Ein-Euro-Job annahm und auch nicht den schriftlichen Aufforderungen folgte, wurden ihm die Bezüge erst um 10, dann um 30 Prozent gekürzt, schließlich erhielt er überhaupt kein Geld mehr.” Während die Sozialhilfe den Träger – in diesem Fall einer Reha-Maßnahme – zur Fürsorge verpflichte, auch wenn kein Antrag gestellt wurde, so Hartmann, und Betreuer die Menschen zu Hause aufsuchten, um sich ein Bild von ihrem Alltag und ihren Problemen zu machen, seien “das Einzige, was bei Hartz IV ins Haus kommt, Schriftstücke mit Drohungen und Aufforderungen.” Eine Aussage, die sich trefflich mit einigen Aussagen von Unterzeichnern des Aufrufes deckt, die wir in der Unterzeichnerliste wiedergeben.

Prinzip und Wirklichkeit von Hartz IV: “Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen”

“Es gehört zum Prinzip ´Fördern und Fordern´ des Systems Hartz IV, dass menschliche Schicksale am Schreibtisch verhandelt werden. Wer keinen Antrag stellt, wer seine eigene Bedürftigkeit nicht nachweisen kann, der erhält auch keine Hilfe”, erklärt Hartmann und zitiert Franz Müntefering: “Wer nicht arbeitet, der soll auch nicht essen.”

Überhaupt ist es schockierend, wie instinktlos und in Ermangelung jedweden Einfühlungsvermögens auch lokale Politiker mit Hartz IV Politik machen. Hartmann schreibt über “Berlins Oberbürgermeister Klaus Wowereit (SPD) etwa, der die Bürger Berlins lieber qua einer Wette dazu herausfordert, 50 Tonnen Lebensmittel für die Tafeln zu spenden, anstatt mit politischen Mitteln die Schere zwischen Arm und Reich zu bekämpfen, die in seiner Stadt immer größer wird.” Von einer “Stadtpolitik der Vertreibung” erzählt Hartmann und bezieht sich wiederum auf Berlin, wo 28.000 Sozialwohnungen, die nach 1987 erbaut wurden, von der Stadt mit 3,9 Milliarden Euro gefördert wurden. “Doch weil der Schuldenberg nach dem Berliner Bankenskandal riesig war, stellte ausgerechnet der damalige Finanzminister Thilo Sarrazin die Anschlussförderung ein, die den Mietern zugesagt worden war. Seither dürfen Mieter die volle Kostenmiete verlangen.” Vermieter dürfen entsprechende Summen sogar rückwirkend bis zu dreiundzwanzig Monaten einfordern. “Den Mietern bleibt nichts anderes übrig”, so Hartmann, “als rasch auszuziehen.” Auch hierzu lässt Hartman wieder Menschen vor Ort zu Wort kommen, in diesem Fall eine ehrenamtliche Mitarbeiterin des Notruftelefons für Menschen, die von Zwangsauszügen betroffen sind.

“Kultivierter Hass” und “Stammtisch der Mittelschicht”

Hartmann leitet ihr Buch mit dem vielsagenden Kapitel “Kultivierter Hass” ein und erzählt zunächst von einem Besuch in einer Chefetage. Der nicht minder vielsagende Name des ersten Unterkapitels: “Warum die Konsumgesellschaft ihren Bestand durch Ausgrenzung sichert und die Mittelschicht sich nach oben orientiert, während sie nach unten tritt.”

Nach diesem kurzen, aber ebenso intensiven Ausflug begibt sich Hartmann schnurstracks an den “Stammtisch der Mittelschicht”, an den sie sich gemeinsam mit einer Gruppe Journalisten setzt. Es sind diese lebensnahen Eindrücke, die dem Leser den Spiegel vorhalten und zum Nachdenken zwingen, was auch gelingen sollte, vorausgesetzt, die Meinung ist noch nicht zu sehr vorgefertigt und das Mitgefühl noch nicht gänzlich weggesperrt.

Ein erschütterndes Fazit Hartmanns: “Die Schichten in Deutschland haben sich mittlerweile so weit voneinander entfernt, dass es kaum noch Berührungspunkte gibt – und keine Orte mehr, an denen sich Menschen unterschiedlicher Schichten begegnen und austauschen.” Nicht bei der Arbeit, nicht im Konsumalltag, und auch “die Teilnahme am kulturellen und sozialen Leben ist bei 364 Euro im Monat einfach nicht drin.”

An anderer Stelle hält Hartmann fest: “Fast alle politischen Entscheidungen der vergangenen 20 Jahre sind zugunsten der Wirtschaftselite gefallen. Angefangen vom Abbau des Sozialstaates über die Senkung der Lohnnebenkosten für Arbeitgeber bis hin zu großzügigen Steuergeschenken – von der Rettung der Banken auf Kosten der Allgemeinheit einmal ganz zu schweigen. Stets wurde von unten nach oben umverteilt.”

Hartmann spannt, obwohl detailreich, einen großen Bogen, der von der Hartz-IV-Problematik, über die Macht der Eliten, das Feuilleton der Etablierten, die Macht der Medien bis hin zur Nahrungsmittelkrise und einer verfehlten Entwicklungspolitik durch Mikrokredite reicht – um schließlich “Her mit dem schönen Leben!” zu fordern.


Hartmann hat ein wütendes Buch geschrieben; es ist aber keine blinde Wut; die Wut, die an vielen Stellen herauszulesen ist, ist das Ergebnis von mittels sorgfältigen und umfangreichen Recherchen gewonnenen Einsichten in unsere und nicht nur unsere Gesellschaft. Man muss die Konsequenz der Autorin nicht in allen Punkten teilen; so ist mir ihre Erklärung der Nahrungsmittelkrise zu verkürzt; wahrscheinlich hat sich die Autorin in diesem Punkt allzu leichtfertig auf die Meinung des in dieser Frage in meinen Augen völlig überbewerteten und so auf seine Art Meinung machenden Thilo Bode verlassen, dem sie neben vielen anderen Autoren am Ende des Buches dankt. Was die Analyse unserer Gesellschaft und die der Mikrokredite anbelangt aber, ist Hartmann ein brilliantes Buch gelungen, das jedem die Augen öffnen sollte; die Parteien, die es als Richtschnur für ihre Politik heranziehen, können nur gewinnen – und die Menschen und Gesellschaft insgesamt mit ihnen.

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