Flassbeck und Schulmeister zusammen denken – Überlegungen zu den Gesprächen mit Heiner Flassbeck und Stephan Schulmeister

Wenn man schon die dankenswerte Möglichkeit hat, sich mit Ökonomen wie Heiner Flassbeck und Stephan Schulmeister zu unterhalten, Wirtschaftswissenschaftler, die sich einen eigenen Zugang zu den Wirtschaftsphänomenen, die aktuell leider im Wesentlichen Krisenphänomene sind, erarbeitet haben und nicht in den üblichen vorgefertigten Mustern denken, die gerade in der deutschen Volkswirtschaftslehre gleichermaßen verbreitet wie destruktiv sind, dann ist man natürlich angehalten, über die in den Gesprächen ausgeführten Inhalte gründlich nachzudenken.

Ich stelle zwischen den Ausführungen Flassbecks und Schulmeisters eigentlich nur einen Konfliktherd fest: die Bedeutung, die dem Lohn, der Lohnentwicklung bzw. Lohnstückkostenentwicklung zugeschrieben wird. Flassbeck stellt die Lohnstückkostenentwicklung, die durch sie bestimmte Preisentwicklung und Wettbewerbsfähigkeit in den Mittelpunkt seiner Ursachenanalyse und seiner Ursachentherapie. Sein Lösungsvorschlag ist seit langem, dass aufgrund der über Jahre auseinandergelaufenen Lohnstückkosten, die Löhne in Deutschland über einen langen Zeitraum stärker steigen müssen als die Produktivität. So stark, dass die Lohnstückkosten eine ganze Zeit lang über der Zielinflationsrate der Europäischen Zentralbank (EZB) liegen; solange, bis der Wettbewerbsvorteil, den Deutschland dadurch aufgebaut hat, dass seine Lohnstückkosten eben über Jahre unter der Zielinflationsrate der EZB gelegen haben, wieder ausgeglichen ist. Die Länder der Eurozone, die umgekehrt über Jahre Lohnsteigerungen hatten, die über der Produktivität lagen, und deren Lohnstückkosten daher die Zielinflationsrate der EZB nach oben durchbrochen haben, müssten, so Flassbeck, wiederum Lohnsteigerungen erreichen, die sich unter der Produktivität bewegen.

Die gegenwärtige Realität sieht allerdings so aus, dass jener Angleichungsprozess bei den Lohnstückkosten einseitig zu Lasten der Krisenländer in der Eurozone geht, die über drastische Ausgabensenkungen versuchen aus der Krise zu kommen, mit dramatischen sozialen und ökonomischen Folgen. Es scheint fast so, als sei der folgende Fall, den der Ökonom Wolfgang Stützel 1958 ausgeführt hat und “eine ziemlich irreale Vorstellung” nannte, Wirklichkeit geworden:

::Buchtipp::

“Betrachten wir den Fall eines Landes, das sowohl ein Leistungsbilanzdefizit als auch ein Kapitalverkehrsdefizit und daraus eine stark passive Zahlungsbilanz hat. Die Löhne dieses Landes seien, über den geltenden Wechselkurs gerechnet, im Vergleich zu den Löhnen anderer Länder höher, als dem Produktivitätsunterschied zwischen diesen Ländern angemessen ist. Zahlungsbilanzgerechte Kreditkonditionen zu haben, bedeutete für dieses Land, die Kredite so zu verknappen, dass nur noch jene Betriebe sich Ausgabenüberschüsse leisten können, die sich den Kapitaldienst (Zins und Amortisation, Dividende und Liquidationswert) auch selbst in Devisen verdienen können. Dazu müsste die restriktive Politik einen solchen Druck auf die Löhne bringen, dass die Betriebe zum geltenden Wechselkurs gerechnet international konkurrenzfähig werden und Investitionen in diesem Land wegen der niedrigeren Lohnkosten für Ausländer rentabel erscheinen. Das ist natürlich eine ziemlich irreale Vorstellung, da sich Senkungen des internen Nominalwerts der Löhne politisch kaum durchsetzen lassen. Diese geringe Flexibilität der Löhne nach unten ist der einzige Grund, weshalb Situationen eintreten können, in denen die Herstellung eines angemessenen Gefälles der Kreditkonditionen nicht ausreicht, den Ausgleich der Zahlungsbilanz zu sichern. Stets muss, damit der Ausgleich der Zahlungsbilanzen auch langfristig gesichert bleibt, der Außenwert der Nominallöhne (inländisches Nominallohnniveau umgerechnet zum geltenden Wechselkurs) auf die interne Produktivität abgestimmt bleiben. Ist der Außenwert der Nominallöhne eines Landes höher als mit der Arbeitsproduktivität in diesem Lande vereinbar, dann muss entweder (1) die Produktivität bei gleichbleibenden Nominallöhnen gesteigert oder (2) der interne Nominallohnsatz der Löhne gesenkt oder (3) der Wechselkurs und damit der Außenwert der Löhne herabgesetzt werden.” (Hervorhebung, T.H.) (1)

Man muss sich zu den Ausführungen Stützels nur noch das Inflationsziel der EZB hinzudenken und die Möglichkeit (3) streichen, solange jedenfalls, wie die Eurozone noch zusammenhält, um seine Aussagen auf die Problematik der Eurozone zu übertragen. Um die Rolle Deutschlands angemessen zu würdigen, sollte man darüber hinaus Stützels Text auch entsprechend unter umgekehrten Vorzeichen lesen:

“Betrachten wir den Fall eines Landes, das sowohl ein Leistungsbilanzüberschuss als auch ein Kapitalverkehrsüberschuss und daraus eine stark positive Zahlungsbilanz hat. Die Löhne dieses Landes seien, über den geltenden Wechselkurs gerechnet, im Vergleich zu den Löhnen anderer Länder niedriger, als dem Produktivitätsunterschied zwischen diesen Ländern angemessen ist…”

Stephan Schulmeister spricht diesen Zusammenhängen nicht ihre Bedeutung ab:

“Ich würde vielleicht innereuropäisch die unterschiedliche Entwicklung der Lohnstückkosten korrigieren und damit zu einem Ausgleich der Leistungsbilanzsalden beitragen, aber Unternehmer werden kräftige Lohnsteigerungen nur dann schlucken, wenn die wirtschaftliche Dynamik insgesamt hoch ist.”

Dennoch wird denke ich deutlich, dass Schulmeister den Lohnstückkosten nicht die Bedeutung beimisst, die Flassbeck ihnen zuschreibt. Nur weil dem so ist – und gerade dafür sind ja unterschiedliche Denkansätze so wichtig – ließen mir beide Gespräche keine Ruhe. Das mag auch daran liegen, dass mir dabei immer wieder meine Fragestellung in den Sinn kam und ich im nachhinein feststellen musste, dass ich zwar die Löhne auch im Gespräch mit Stephan Schulmeister thematisiert hatte, mich dabei aber auf die Bedeutung des Lohns für die Absatzerwartungen der Unternehmen konzentrierte, nicht aber auf die Bedeutung des Nominallohns und der nominalen Lohnstückkosten für die Wettbewerbsfähigkeit. Das war so betrachtet sicherlich ein Fehler in der Fragestellung; gleichzeitig hat dieser Fehler vielleicht den Vorteil, dass ich damit Stephan Schulmeister eben den notwendigen Raum ließ, um gerade seinen Ansatz ausführlich darlegen zu können, ohne von meiner Fragestellung bzw. eigenen Meinung zu sehr abgelenkt oder eingeengt zu werden.

Und in der Tat halte ich die Ausführungen Schulmeisters für ebenso zentral: Die Trockenlegung der Finanzmärkte und die Umlenkung von Ersparnissen aus dem zu großen Teilen spekulativen Finanzsystem in die Realwirtschaft, wie auch die Bedeutung, den Zins, die Kosten für Investitionen, wieder unter die Wachstumsrate zu senken, und damit investive Ausgaben für Unternehmen wie für die Realwirtschaft insgesamt rentabler zu machen.

Schulmeister schlägt vor, “die Gewinnchancen auf Finanzmärkten systematisch zu reduzieren durch Dinge wie die Finanztransaktionssteuer; ich gehe noch viel weiter, indem ich fordere, dass ein europäischer Währungsfonds die Zinsbildung für Staatsanleihen übernimmt, dass also in diesem Bereich der Markt überhaupt geschlossen wird, damit der Zinssatz wieder unter der Wachstumsrate stabilisiert wird.”

Das leuchtet, gerade auch vor dem Hintergrund der von Schulmeister dargelegten Voraussetzungen ein, unter denen Unternehmen in die Realwirtschaft investieren, und den von ihm genannten Investitionsfeldern, die “Aktivitäten, die das Leben annehmlich machen”.

Allerdings müssen, unter Berücksichtigung, dass die Löhne in Deutschland über viele Jahre hinter die Produktivität zurückgefallen sind und der entsprechenden Verteilung der Einkommen zugunsten der Unternehmensgewinne, und unter Berücksichtigung der mit der Lohnstückkostenentwicklung im Zusammenhang stehenden Wettbewerbsfähigkeit innerhalb der Eurozone, meines Erachtens zeitgleich mit der von Schulmeister vorgeschlagenen Entwicklung die Löhne in Deutschland in deutlich stärkerem Maße steigen, als es derzeit geschieht.

Vielleicht, so denke ich nach diesen beiden Gesprächen und vor dem Hintergrund der hier noch einmal skizzierten Überlegungen, ist es also gar nicht die Frage: Was sollte zuerst kommen? Bzw. lautet die richtige Antwort nach meinem jetzigen Verständnis: Es muss beides gleichzeitig geschehen. Vielleicht entspricht genau diese Überlegung diesen Ausführungen Wilhelm Lautenbachs, den wir zur Erklärung der gegenwärtigen Krise und möglichen Lösungen, aus ihr herauszufinden, in unseren Beiträgen nun schön häufiger herangezogen haben:

“Jede Volkswirtschaft muss beiden Aufgaben gerecht werden: Sie muss eine ausgeglichene Leistungsbilanz mit dem Ausland haben (wenn ihr nicht für eine Zeit des Wiederaufbaus ausländische Kapitalien zur Verfügung stehen), und sie muss gleichzeitig alle heimischen Produktivkräfte rationell ausnutzen, und das bedeutet, die Produktion auf Vollbeschäftigung ausbalancieren. Beiden Bedingungen kann aber nur genügt werden dadurch, dass einerseits das Kosten- (Lohn-) niveau durch den Valutakurs richtig mit dem ausländischen Kosten- und Preisniveau abgestimmt wird (das geht in einer Währungsunion nur über eine Lohnstückkostenentwicklung, die dem Preissteigerungsziel der Europäischen Zentralbank folgt, wie es in der Eurozone nur Frankreich und Finnland geleistet haben, T.H.) und andererseits dadurch, dass die Investition im Inlande entsprechend dosiert wird. Weder der einen noch der anderen Aufgabe kann man sich entziehen.”

Schließlich bleibt noch ein weiterer Widerspruch zu klären, der sich aus den Gesprächen mit Heiner Flassbeck und Stephan Schulmeister ergibt: Es ist die Heranziehung des Beispiels China und der Lohnentwicklung dort. Wenn Flassbeck auch nicht in unserem Gespräch auf China verweist, so hat er doch an anderer Stelle auf die vernünftige Lohnentwicklung in China verwiesen. Schulmeister stellt wiederum fest: “Das extrem hohe Wachstum (in China, T.H.) von zehn Prozent über dreißig Jahre ist nicht getragen worden, besonders nicht in den ersten zehn, fünfzehn Jahren, durch starke Lohnsteigerungen.” Schulmeister sieht in der hohen Investitionsquote die zentrale Grundlage für das hohe Wirtschaftswachstum in China. Diese spielt in der Tat auch in meinen Augen eine zentrale Rolle für eine nachholende Industrialisierung, wie China sie durchläuft. Aber wie haben sich die Löhne bzw. Lohnstückkosten nun in China in den weniger weit zurückliegenden Jahren bis heute entwickelt?

Leider stellt die Datenbank der Europäischen Kommission, Ameco, zwar Daten für Länder außerhalb des Euroraums zur Verfügung, nicht aber für China. Dadurch ist mir ein schneller Vergleich der Lohnstückkostenentwicklung Chinas mit der der Eurozone und vor allem Deutschlands nicht möglich. Die UNCTAD und der IWF leisten allerdings entsprechendes.

Vorweg sei darauf hingewiesen, dass – Schulmeister sagt dies auch – die Entwicklungsniveaus der Volkswirtschaften China und Deutschland weit auseinanderliegen. Hier ist nicht der Platz auszuführen, dass sich damit auch unterschiedliche Gegenstände bzw. Fragestellungen der Ökonomie und der Wirtschaftstheorie verbinden. Die Wirtschaftswissenschaft hat sich ja selbst mit der Entwicklung von nichtindustrialisierten Volkswirtschaften über sich industrialisierende Volkswirtschaften bis hin zu entwickelten Volkswirtschaften mit vollständig integriertem Kapitalgütersektor bis zu ihrem heutigen theoretischen Stand entwickelt. Die praktischen Probleme, die sich in diesen Entwicklungsphasen in ganz unterschiedlicher Weise stellten, fanden naturgemäß auch ihren Niederschlag in den wirtschaftswissenschaftlichen Theorien, die diese Probleme zu erklären und zu bewältigen suchten.

Unabhängig davon kann jedoch empirisch festgehalten werden, dass die Lohnentwicklung in China – anders als in Deutschland – in den vergangenen Jahren der Produktivität gefolgt ist, wie zum Beispiel der IWF festhält:

China: Produktivität und Lohnstückkosten (Zur Vergrößerung auf Graphik klicken. Quelle: IMF, IMF Country Report No. 11/192, Juli 2011)

Die UNCTAD wiederum hat diese Entwicklung in China bereits im Januar 2011 im Zusammenhang mit der Frage nach dem richtigen bzw. geeignetsten Indikator zur Messung internationaler Wettbewerbsfähigkeit und den Ursachen für Leistungsbilanzungleichgewichte untersucht. Die Graphiken der UNCTAD zeigen auch die Diskrepanz zu Deutschland auf:

China, Deutschland, Japan, USA: Lohnstückkosten (Zur Vergrößerung auf Graphik klicken; Quelle: UNCTAD, Policy Briefs, Nr. 19, Januar 2011)

Interessant in diesem Zusammenhang sind auch die Ausführungen des Economist aus dem November 2010.

Diese Punkte und Überlegungen waren mir im Zusammenhang mit den erkenntisreichen und anregenden Gesprächen mit Heiner Flassbeck und Stephan Schulmeister wichtig festzuhalten. Vielleicht führen sie zu weiteren Diskussionen.

(1) Heiner Flassbeck wies mich nach der Lektüre dieses Beitrages darauf hin, dass diese richtige Aussage Stützels in Widerspruch zu Stützels eigenen Ausführungen im Zusammenhang mit “natürlichem Zins” und Geldzinssatz und zur Annahme der “Rigidität der Preise” steht. Zu diesem Komplex werde ich für Wirtschaft und Gesellschaft etwas schreiben, sobald ich die Dissertation von Heiner Flassbeck, die sich damit ausführlich auseinandersetzt, eingesehen habe.

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