Rezension: Der Wirtschaftspolitik global ein Fundament geben – zum neuen Buch von Claus Köhler
Claus Köhler Cover

“Wirtschaftspolitische Ziele in der globalen Welt” heißt das neue Buch des Ökonomen Claus Köhler*, das im September in der Reihe “Volkswirtschaftliche Schriften” des Duncker & Humblot Verlags erschienen ist. Köhler widmet sich darin der Lösung von zwei großen wirtschaftspolitischen Aufgaben: der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit und der Schaffung eines stabilen Währungs- bzw. Wechselkurssystems. “Drei globale wirtschaftspolitische Ziele” gelte es dabei zu verwirklichen: Vollbeschäftigung, Preis(niveau)stabilität und einen freien globalen Leistungsaustausch. Vollbeschäftigung ist für Köhler das wichtigste Ziel. “Wird es erreicht, herrscht gesellschaftlicher Frieden.” Köhlers Standpunkt ist ein ökonomischer. Im Blick aber hat er die Menschen und die Stabilität der parlamentarischen Demokratie.

Nach einem kurzen, aber grundsätzlichen Einstieg über die “Konsequenzen der Globalisierung” und der Bestimmung jener drei wirtschaftspolitischen Ziele, nimmt sich Köhler dann zuerst auch der Frage der Vollbeschäftigung an. Köhler zeigt auf, dass zwar auf nationaler und auf europäischer Ebene wie auch auf der Ebene der wichtigsten Industrie- und Schwellenländer (G20) zahlreiche Bekenntnisse abgegeben wurden, Arbeitsplätze oder gar Vollbeschäftigung zu schaffen. Er bemängelt jedoch, dass diesen kein klares Konzept zugrunde liege. Köhler kritisiert die weitläufige “Grundeinstellung”, sich mit Hinweisen darauf zu begnügen, die Arbeitsmärkte zu “flexibilisieren”. Die damit verbundenen Maßnahmen, so Köhler, würden “zu erheblichen sozialen Einschnitten bei den Betroffenen” führen. Verhindert hätten sie jedoch nicht, “dass die Arbeitslosenquoten in der EWU auf inakzeptable Größen gestiegen sind (Februar 2013: 12,0%).” Auch werde nicht beantwortet, “auf welchem Wege und vor allem in welchem Umfang die vorgeschlagenen Maßnahmen die Arbeitslosigkeit verringern könnten.”

Köhler beantwortet diese Frage mit seinem Konzept des “angemessenen Wirtschaftswachstums”. Er stellt hierzu dem tatsächlichen, realen Wirtschaftswachstum ein potenzielles Wirtschaftswachstum gegenüber und leitet daraus seine Strategie für eine Senkung der Arbeitslosigkeit ab. Während sich das reale Wirtschaftswachstum nur aus den tatsächlich Beschäftigten speist und der Arbeitsproduktivität, mit der sie Waren und Dienstleistungen produzieren, umfasst das potenzielle Wirtschaftswachstum auch die Arbeitslosen, das gesamte Arbeitsangebot also. Köhler weist darauf hin, dass sich seine einfache Bestimmung des Produktionspotenzials von der der Bundesbank und anderer Institutionen unterscheidet, denen komplexe mathematische Modellrechnungen zugrunde liegen. Es ist jedoch gerade diese Einfachheit, die besticht, weil sie Theorie empirisch nutzbar, nachvollziehbar und überprüfbar macht. Die Indikatoren, die Köhler zugrunde legt, lassen sich problemlos mit Zahlen des Statistischen Bundesamts oder seines europäischen Pendants, Eurostat, füllen. Sehr gut nachvollziehbar führt Köhler in dieses Konzept ein und weist damit nicht nur logisch nach, wie eine Strategie zur gezielten Senkung der Arbeitslosigkeit aussehen kann, sondern auch empirisch, dass es in der Europäischen Währungsunion (EWU) seit ihrem Bestehen “an einer Strategie für mehr Beschäftigung mangelt.“

Es sind die nicht nur an dieser Stelle seines Buches deutlich werdende, sondern Köhlers gesamten Text durchziehende Klarheit und Genauigkeit, die seine Arbeit genauso wertvoll für geschulte Volkswirte wie für in diesem Fach nicht geschulte Leser machen. Und man wünscht sie sich aus diesem Grund in der Hand eines jeden Wirtschaftspolitikers und Wirtschaftsjournalisten.

Nach dieser strategischen Bestimmung wendet sich Köhler der institutionellen Seite zu, der Frage nämlich, “welche staatliche Stelle verantwortlich sein soll, um Vollbeschäftigung zu erreichen und zu sichern.” Hierauf kennt Köhler nur zwei Antworten: “entweder das Finanzministerium bzw. eine von ihm gegründete Tochtergesellschaft oder die Zentralbank.” Um dies zu prüfen, unterzieht Köhler sowohl die Instrumente als auch die fachlichen Voraussetzungen und die politischen Rahmenbedingungen dieser Institutionen einer eingehenden Prüfung. Er setzt sich darüber hinaus wiederum mit den politischen Grundsatzpositionen, die das Handeln dieser Institutionen und die sie bedingenden Gesetzgebungen beeinflussen, auseinander. Und auch hier bringt Köhler für den Leser in unheimlich komprimierter Form strahlendes Licht ins komplexe Dunkel. Nicht nur ein Lesevergnügen aufgrund der verständlichen Sprache, sondern Schnellkurs und Nachschlagewerk zugleich in politischer Institutionenkunde und Volkswirtschaftslehre.

Köhler erklärt in diesem Zusammenhang auch die Funktionsweise und die Voraussetzungen der amerikanischen Notenbank (Fed) und zeichnet die Ergebnisse ihrer Politik nach. Eine Schlussfolgerung die Köhler aus seiner Untersuchung zieht und die die helle Aufregung über die US-Notenbankentscheidung vergangene Woche in den deutschen Medien ziemlich überflüssig erscheinen lässt, ist diese: „Fasst man die Jahre 2000 bis 2011 zusammen, so ist zu konstatieren, dass es der Fed gelungen ist, die gleichrangigen Ziele Vollbeschäftigung und Preisstabilität, optimal zu steuern.“ Im Rahmen dieser Untersuchung schlägt Köhler auch den Bogen zur japanischen Notenbankpolitik und der anderer Notenbanken.

Mit derselben Gründlichkeit widmet sich Köhler dann den zwei anderen großen Zielen: der Preis(niveau)stabilität und dem freien globalen Leistungsaustausch. Einen zentralen Platz räumt Köhler für letzteren dem Wechselkursproblem ein. Unter Rückgriff auf die immer wiederkehrenden Bekundungen auf G20-Ebene schlussfolgert Köhler, “dass die 20 wichtigsten Industrie-, Schwellen- und Entwicklungsländer nicht willens sind und sich nicht in der Lage sehen, für eine stabile Entwicklung der Wechselkurse Sorge zu tragen. Nicht willens bedeutet, dass sie die Kursentwicklung völlig dem Einfluss der Marktkräfte überlassen wollen…Nicht in der Lage bedeutet, dass die wenigen Versuche wichtiger Länder am Devisenmarkt gemeinsam einzugreifen, nicht anregen, einen weiteren Versuch zu starten…” Auch hier führt Köhler den Leser ganz grundsätzlich in die komplexe Thematik ein, indem er ihm zunächst erklärt, wie Kurse zweier Währungen gemessen werden können. Erst nachdem er dem Leser so Orientierung gegeben hat, untersucht er die Einflüsse von Preisen, Zinsen, Leistungsbilanz und nationaler monetärer Politik auf Wechselkurse und greift dabei auch auf historische Zeiträume zurück, die immer auch theoretische Erkenntnisse – und Irrtümer – nach sich zogen.

Das Wechselkurssystem, das Köhler schließlich vorschlägt, global anzustreben, dürfte jedem kritischen Ökonomen zunächst den Schweiß auf die Stirn treiben, wenn nicht für Empörung sorgen. Es umfasst vier Säulen:

“1. Den völlig freien Devisenverkehr,

2. einen Vertrag zwischen den teilnehmenden Ländern,

3. die Beeinflussung der Erwartungen an den Devisenmärkten und

4. das gewähren lassen der Devisenkursspekulation.”

Die Devisenspekulation bei Köhler soll aber nur der “Stabilisierung der Wechselkursentwicklung auf dem Pfad der Kaufkraftparitäten” dienen. Köhlers Kaufkraftparitäten-Wechselkursstrategie berücksichtigt die unterschiedlichen Preissteigerungsraten der eingebundenen Währungsgebiete. Bei Köhler sind das der Euro, der US$, der japanische Yen und der chinesische Yuan. Der durch sie gewährleisteten Handelsneutralität stellt Köhler in einem weiteren Kapitel schließlich noch die Kapitalverkehrsneutralität zur Seite, die entsprechend der Handelsneutralität dann gegeben ist, “wenn sich die Wechselkurse entsprechend den Zinsdifferenzen zweier Länder, also entsprechend der Zinsparität, bewegen. Da es dann vom Ertrag her gesehen, gleichgültig ist, ob man liquide Mittel in dem einen oder dem anderen Land anlegt, entfallen Kapitalströme, die Wechselkurse verändern können.”

“Handelsneutralität”, so Köhler zusammenfassend, “schützt die Wirtschaft vor den Auswirkungen eines zweiten Preises und Kapitalverkehrsneutralität schützt vor zinsorientierten, möglicherweise erratischen Kapitalbewegungen.”

Köhler erklärt seine Wechselkursstrategie detailliert und schlüssig. Interessant ist, dass eine entsprechende Vertragsbindung mit Drittstaaten (2. Säule) durch den Vertrag über die Arbeitsweise der Europäischen Union gedeckt wäre.

Köhler geht in diesem Zusammenhang darüber hinaus auf die Wirksamkeit von Interventionen der Zentralbanken an den Devisenmärkten ein. Den Einwand, dass diese nichts bewirken könnten, weil die am Markt gehandelten Beträge viel zu hoch seien, hält Köhler für falsch. Entscheidend sei der Zeitpunkt der Intervention, den Köhler ebenfalls erklärt, indem er die Funktionsweise des Devisenmarktes nachzeichnet.

Was nun die Spekulation anbelangt, schreibt Köhler an einer Stelle, mit der ich die Rezension seines Buches abschließen und zur Lektüre empfehlen möchte, das Folgende: “Die Spekulation hat im Allgemeinen einen nicht so guten Ruf. Sie ist destabilisierend und führt zu Übertreibungen. Das ist richtig. Aber es beruht darauf, dass in diesen Fällen die Spekulation orientierungslos handelt. Spekulative Transaktionen machen nicht mehr und nicht weniger, als dass sie Erwartungen einer Entwicklung in aller Kürze verwirklichen. Die Frage ist, wer diese Erwartungen formuliert. Destabilisierende und übertriebene Entwicklungen beruhen grundsätzlich darauf, dass die Spekulation selbst diese Erwartungen formuliert…Die Spekulation destabilisiert und übertreibt. Anders verhält es sich, wenn der Trend der Entwicklung überzeugend gesetzt wird. Auch dann wird spekuliert. Aber jetzt werden Abweichungen vom vorgegebenen Trend von der Spekulation gewinnbringend eingeebnet. Die Spekulation ist stabilisierend. Bei der Kaufkraftparitätenstrategie ist der Trend der Wechselkursentwicklung vorgegeben. Das erlaubt es, auf die stabilisierende Wirkung der Spekulation zu vertrauen…”

Claus Köhler, Wirtschaftspolitische Ziele in der globalen Welt, Volkswirtschaftliche Schriften, Band 564, Duncker & Humblot, Berlin, September 2013, als Druckausgabe (49,90) und als E-Book (44,90) erhältlich.

*Claus Köhler ist Professor emeritus in Volkswirtschaftslehre. Er hat früh Führungspositionen in der Finanzwirtschaft eingenommen, nach seiner Habilitation einen Lehrstuhl für Volkswirtschaftslehre an der Universität Hannover übernommen und war Mitglied des Sachverständigenrats zur Begutachtung der Gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. Später war er Mitglied des Direktoriums und des Zentralbankrats der Deutschen Bundesbank und Vorsitzender des Finanzausschusses im Verwaltungsrat der Treuhandanstalt und der Bundesanstalt für Vereinigungsbedingte Sonderaufgaben. Im Ausland hat er im Vorstand zweier Investmentfonds in New York und als Berater der Zentralbank des Sultanats Oman gearbeitet.


Dieser Text ist mir etwas wert


Verwandte Artikel: