Koalitionsverhandlungen/Wansleben: DIHK-Chef gesteht, dass “Wettbewerbsfähigkeit” der deutschen Wirtschaft auf Lohndumping und miesen Arbeitsbedingungen basiert – und der Deutschlandfunk ist mit Verständnis und Sprachgebrauch ganz auf dessen Linie

Heute früh hat der Hauptgeschäftsführer der Deutschen Industrie und Handelskammer (DIHK), Martin Wansleben, dem Deutschlandfunk ein Interview gegeben. Der Deutschlandfunk-Moderator, Christoph Heinemann, redete ihm im voraus eilenden Gehorsam gleich einleitend nach dem Mund, indem er meinte, ob man denn nicht statt von einer großen Koalition besser von einer teuren Koalition sprechen sollte. Mit seiner Einführung in das Interview brachte Heinemann sehr gut sein eigenes Verständnis von Wirtschaft und Gesellschaft zum Ausdruck wie das in seiner deutschen Zunft vorherrschende; schön auch, dass er sich für seine Aussage auf die Frankfurter Allgemeine Zeitung bezog, die “mal nachgerechnet” habe und “auf Begehrlichkeiten in Höhe von 50 Milliarden Euro” kommt.

Man muss anhand häufiger entsprechender mehr oder weniger direkter Einlassungen wirklich vermuten, dass Deutschlands Journalisten und Redakteure in den so genannten Leitmedien zuallerst ihr eigenes Steuersäckel im Auge haben und alles tun, um ja nicht mehr belastet zu werden. Oder aber sie sind einfach zu dumm, um zu begreifen, das steigende staatliche Ausgaben, und seien sie auch nur auf dem kleinkarierten Niveau der gerade stattfindenden Koalitionsgespräche, nie nur “Kosten” sind, sondern immer auch “Einnahmen”. Gibt der Staat nämlich mehr aus, zum Beispiel für die Energiewende oder soziale Leistungen, geschieht dies in Form von Aufträgen, die in der Regel an private Unternehmen vergeben werden und dort in gleicher Höhe Einnahmen entstehen lassen, die die Kapazitätsauslastung verbessern und es potenziell möglich machen, Menschen zu beschäftigen, vielleicht sogar zu vernünftigen Arbeitsbedingungen; daraus resultieren am Ende dann auch steigende Steuereinnahmen. Dass dieser einfache und objektive Sachverhalt nicht einmal den Moderatoren eines öffentlich-rechtlichen Senders geläufig ist, ist ein seit langem unübersehbarer Ausdruck journalistischen Leistungsverfalls in Deutschland. So stellen wir uns die “vierte Gewalt” nun wirklich nicht vor. Sie ist in Deutschland aber seit langem in diesem miesen Zustand, wobei natürlich nichts gegen eine freundliche Begrüßung einzuwenden ist; muss man sich aber gleich der zu erwartenden Einstellung des zu Begrüßenden anbiedern bzw. unterwerfen? Immerhin lässt der Moderator sich im Interview mit Wansleben dann zu einigen kritischen Fragen hinreißen.

Wanslebens Eingeständnis, dass die “Wettbewerbsfähigkeit” der deutschen Wirtschaft auf Lohndumping und miesen Arbeitsbedingungen basiert, fasste wiederum der Deutschlandfunk in seinen anschließenden Nachrichten mit Bezug auf das Interview mit dem DIHK-Chef hervorragend zusammen:

Donnerstag, 07. November 2013 08:00 Uhr

Wansleben (DIHK) im DLF: Koalitionspläne können Schwierigkeiten am Arbeitsmarkt bedeuten

Der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages – Wansleben – befürchtet, dass die Koalitionsvereinbarungen den Arbeitsmarkt beeinträchtigen werden. Wansleben sagte im Deutschlandfunk, es gebe das Potenzial einer Rolle rückwärts. Wörtlich sprach er von einem “Verlust an Flexibilität” und nannte als Beispiel den diskutierten Mindestlohn. Hinzu kämen Einschränkungen bei befristeten Arbeitsplätzen, bei der Zeitarbeit und bei Werkverträgen.”

Und diese Aufregung Wanslebens und anderer vermeintlicher Interessenvertreter der deutschen Wirtschaft bringt schon das bisschen Koalitionsgeküngel hervor, von dem bisher zu hören war, das völlig ungeeignet ist, um die Ungerechtigkeiten auszugleichen, die die Politik nicht zuletzt aufgrund ihrer Hörigkeit gegenüber Leuten wie Wansleben seit der Agenda 2010 verursacht hat. Wenn die Koalitionsverhandlungen, die Reaktionen darauf von Vertretern wie Wansleben, der “Leitmedien” und auch der völlig vereinseitigten deutschen Wirtschafts-”Wissenschaft” eines unmissverständlich zeigen, dann das, dass die Politik bis heute nicht verstanden hat, dass Politik im Interesse auch der Unternehmen eben voraussetzen würde, gerade nicht auf Menschen wie Wansleben zu hören. Denn auf Leute wie Wansleben zu hören hat ja gerade dazu geführt, dass die deutsche Wirtschaft am Tropf des Exports hängt, ihre Exportstärke aber auf dem Rücken der Beschäftigten und Arbeitslosen und damit der Bevölkerungsmehrheit, wie auch auf dem Rücken der übrigen Welt, in die sie Arbeitslosigkeit und Schulden exportiert, austrägt. Ein Journalismus, der sich den Namen “vierte Gewalt” wieder verdienen will, müsste all dies erst einmal selbst versuchen zu reflektieren. Er ist dazu offensichtlich nicht mehr in der Lage und selbst, sicherlich auch durch eine sich verselbständige Einstellungspraxis begünstigt – wie in den Universitäten (sitzen erst einmal so einseitig gepolte Menschen am Ruder, stirbt die wirtschaftliche und soziale Vielfalt langsam aus, was in Deutschland seit zwei Jahrzehnten zu beobachten ist) -, Teil des Problems einer völlig eindimensionalen Sicht auf die Politik, die Gesellschaft und vor allem die Wirtschaft geworden. Eine Politik, die sich wieder den Ruf erwerben will, für alle da zu sein, müsste eben auch erst einmal wieder gesamtgesellschaftlich und gesamtwirtschaftlich denken lernen. Damit wäre auch den meisten Unternehmen, zu deren Vertreter sich ein Wansleben aufspielt, ihren Umsätzen im Inland aber nur schadet, geholfen. Genau das leisten Merkel und Gabriel und ihre Parteien in den Koalitionsverhandlungen jedoch nicht.

————————————————————-

Sie können helfen, unseren Leserkreis zu erweitern!

Wirtschaft und Gesellschaft hat jetzt auch eine facebook-Seite und freut sich über jedes “Gefällt mir”.

Sie können Wirtschaft und Gesellschaft jetzt auch auf Twitter folgen: https://twitter.com/WiuGe

————————————————————-

 


Dieser Text ist mir etwas wert


Verwandte Artikel: