GDL-Streik: Wer sind Volker Siewke und die “Initiative für mehr Demokratie und Rechtsstaatlichkeit in der GDL” – und was ist dran am “offenbar wachsenden Widerstand gegen Weselsky”?

Das ist schon mysteriös. Ein Gewerkschafter der GDL, Volker Siewke, setzt in die Welt, dass der Widerstand gegen den derzeitigen Vorsitzenden der GDL, Claus Weselsky, wächst – und verlässt sich dabei auf seine “Stimmungslage”. Gleichzeitig stellt Siewke im Interview mit dem Deutschlandfunk dazu fest: “Das ist schwer zu sagen, das ist ganz schwierig auszumachen. Ich denke mal, es gibt auch keine Erhebung.” Das hält den Deutschlandfunk nicht davon ab, in den Nachrichten zu senden: “Widerstand in der GDL gegen Weselsky wächst“. Und prompt wird diese Meldung als neutrale Nachricht auf allen Kanälen der einschlägigen Medien gefunkt. Wie neutral und verlässlich aber sind Volker Siewke und seine Aussage – und Christine Heuer, die ihn im Deutschlandfunk interviewt hat? Und wer ist die “Initiative für mehr Demokratie und Rechtsstaatlichkeit in der GDL”, für die Siewke spricht?

Das Interview

Kein Medium scheint diese Fragen zu interessieren, am allerwenigsten Christine Heuer. Wie kann das sein? Nun, bei Christine Heuer wissen wir bereits durch einen andere Analyse eines kürzlich von ihr geführten Interviews zum Thema – in diesem Fall betraf es die Pilotengewerkschaft Cockpit -, was sie von Streiks und Streikrecht hält: “Aber es bliebe Ihnen die Wahl, einfach nicht zu streiken“.

Bei der Stimmung, die viele, wenn nicht die meisten Medien gegen den Streik der GDL und gegen ihren Vorsitzenden schüren, liegt der Verdacht nahe, dass Siewke hier nur der Überbringer der gewünschten Botschaft ist. Da scheint es dann nicht oppertun, einmal nachzuforschen, wer denn Siewke ist und seine Initiative, für die er spricht. Dass dieses Vorgehen ein grober Verstoß gegen jedweden journalistischen Anspruch ist, steht für mich außer Frage. Allein die einleitende Interviewführung von Heuer spricht Bände.

Ein Ergebnis des ZDF-Politbarometers – Heuer nennt ihre Quelle nicht, man muss sie erst recherchieren – bringt Heuer dazu zu behaupten:

“Beim Lokführerstreik hört der Spaß jetzt aber für die meisten Deutschen auf:…57 Prozent der Deutschen haben kein Verständnis für die Lokführerstreiks.”

Die ganze Einleitung zum Gespräch, die Heuer unternimmt, kann man natürlich auch hochprofessionell nennen. Nur was hat sie mit seriösem Journalismus zu tun? Heuer arbeitet mit Aussagen, die sie nicht belegt, und sie zitiert und spielt dann den DGB-Chef ein, so, als sei dieser nicht gewissermaßen vorbelastet als Zeuge gegen die GDL (siehe dazu hier). Woher will Heuer darüber hinaus wissen, dass die Deutschen traditionell ziemlich geduldig mit Streikenden in ihrem Land sind? Aber diese Aussage eignet sich – für Heuer – natürlich vortrefflich, um dann ihre Behauptung so richtig auf den Zuhörer wirken zu lassen, dass es den Deutschen jetzt aber nun wirklich reicht.

Wir wollen nicht schon wieder ein Interview mit Christine Heuer im Detail analysieren. Ich halte die Interview-Führung für so durchsichtig, dass dies nicht notwendig erscheint. Greifen wir nur noch diese Frage von Heuer heraus:

“Hat Klaus Weselsky also weniger die Interessen der Belegschaft im Sinn als seine eigenen politischen Machtstrategien?”

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Das fragt sie einen offensichtlichen Gegner von Weselsky. Meines Wissens suchen die Deutschlandfunk-ModeratorInnen nach wie vor ihre Interview-Partner selbst aus. Diesen hat Heuer wohl mit Bedacht gewählt. Allerdings wohl weniger, um die ZuhörerInnen des Deutschlandfunks zu informieren, als vielmehr ihre persönliche Sicht auf die Dinge zu bestätigen. Heuer treibt ihren Interview-Partner förmlich zur Aussage, dass der Streik der GDL beendet werden sollte – wenn Siewke, wie er selbst sagt, schon nicht für die GDL sprechen darf, dann doch bitte, so Heuer, er “persönlich”! Das so etwas im Deutschlandfunk möglich ist, ist in meinen Augen für sich genommen ein journalistischer Skandal! Leider auch in diesem Sender jedoch längst keine Ausnahme mehr.

Wer sind Siewke und die “Initiative”?

Ich habe bei der GDL nachgefragt, was an sich hätte Heuer tun müssen. Hier meine beiden tweets an die GDL, die diese wenig später präzise beantwortete.

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Hier die Antwort der GDL:

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Was Siewkes “Initiative” anbelangt, hatte ich bereits vorher recherchiert. Die “Initiative” selbst bestätigt die Antwort, die ich von der GDL erhielt, und die die “Initiative” wie Siewke zu höchst fragwürdigen Gesprächspartnern macht.

Unter den Gründungsmitgliedern der “Initiative” ist auch der ehemalige Vorsitzende der GDL, Manfred Schell. Er war es, der vor Siewke mit ähnlichem Tenor in Artikeln zitiert wurde, die sich gegen Weselsky und den Streik richteten. Jetzt wissen wir zumindest, woher auch dieser Wind wehte.

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Dass Siewke nicht eben sachlich auf Weselsky Rücktritt zielt, zeigt auch die Ausgangsseite der “Initiative”. Siewke stellt seinem Pamphlet – genau wie Heuer es im Interview getan hat (was für ein Zufall!) – die Behauptung voran: “Öffentlichkeit zeigt kaum noch Verständnis für GDL-Streiks.” Und: “Immer mehr GDL-Mitglieder distanzieren sich von den Arbeitskampfmaßnahmen”. Immerhin wissen wir durch sein Interview mit Heuer, dass diese Behauptung nur seiner “Stimmungslage” entspricht. Dass Siewke dann den “namhaften Arbeitsrechtler” bemüht, um die Abstimmung zum Streik zu delegitimieren, wie es die “Bild”-Zeitung getan hat, ohne darauf hinzuweisen, dass dieser – wie wir bereits recherchiert hatten- “bisher mehr als Interpret des Rechts und profilierter Anwalt der Arbeitgeberseite in arbeitsrechtlichen und Tariffragen in Erscheinung getreten” ist, wie die Stuttgarter Zeitung 2011 festhielt, erwähnt Siewke mit keinem Wort. Er nennt nicht einmal den Namen des “namhaften Arbeitsrechtlers”. Am Ende bleibt aber auch bei Siewke von den Aussagen des “namhaften Arbeitsrechtlers” nichts mehr übrig. Aber wer arbeitet sich schon so weit in seinem Text vor, wird Siewke sich vielleicht gedacht haben.

Nein, ein seriöser Interviewpartner scheint mir Siewke in dieser Frage wahrlich nicht zu sein. Genauso wenig wie Heuer eine seriöse Journalistin ist und diejenigen JournalistInnen es sind, die eine aus einem solchen Interview hervorgegangene Meldung ungeprüft in die Nachrichten nehmen.

Und noch etwas hat unsere Recherche ergeben: 2011 klang Siewke noch so, als würde er heute noch Weselsky die Worte in den Mund legen:

“Das Reisende vom Streik betroffen sind, ist für Volker Siewke bedauerlich aber unausweichlich”, schrieben damals die Elmshorner Nachrichten und zitierten Siewke: “Streiks bringen Einschränkungen mit sich, ob Lokführer, Bäcker oder andere Berufsgruppen streiken.”

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