Medienkritik, Deutschlandfunk: Der Journalismus im Deutschlandfunk hat nachhaltig an Qualität eingebüßt

Seit Wochen beobachtete ich nun schon an mir, dass ich immer seltener den Deutschlandfunk einschalte. Diese Beobachtung beschäftigt mich. Seit meiner Studienzeit höre ich den Deutschlandfunk (DLF). Als Frühaufsteher immer schon um fünf Uhr, spätestens um sechs Uhr hörte ich jeden Tag die Informationen am Morgen. So intensiv und regelmäßig habe ich die Informationen im DLF verfolgt, dass darüber schon Beziehungen zerbrochen sind. Nun gut, das ist übertrieben, aber genug Anlass zum Aufziehen meiner Person habe ich der Freundin damit schon gegeben. Pflicht waren für mich auch die Informationen am Mittag, selbst Wirtschaft am Mittag, wenn dies auch schon immer eine recht oberflächliche, wenn nicht dümmliche Sendung war, Wirtschaft und Gesellschaft um 17 Uhr, die Informationen am Abend oder, wenn ich diese verpasste, Das war der Tag, um 23 Uhr. Es konnte kein Zweifel daran bestehen, und das ganz unabhängig vom politischen Kompass, sieht man vielleicht einmal von radikalen Rechten und radikalen Linken ab: Wer den DLF hörte, war gut informiert. Für die Kultur mag das immer noch gelten. Für Politik und Wirtschaft schon seit längerem nicht mehr. Es muss ganz offensichtlich einen radikalen Wechsel in der Einstellungspraxis des DLF gegeben haben und/oder in den Vorgaben, Themen inhaltlich zu besetzen. Wie anders wäre sonst die zunehmende Einseitigkeit und Oberflächlichkeit in diesen zwei wesentlichen Themenfeldern für den Nachrichtensender mit der nach eigenen Angaben deutschlandweit größten Reichweite zu erklären?

Schlimm die Berichterstattung zur Ukraine und zu Russland, nicht nur durch Sabine Adler. Robert Baag und andere standen ihr in nichts nach. Es gab auch keinen ausgleichenden Gegenpol. Lediglich Dirk Müller brachte den journalistischen Frevel einmal mit einer fast naiv wirkenden, aber überfälligen und journalistisch erstrangigen Frage an die Oberfläche (siehe dazu hier). Dieselbe Kritik wäre im übrigen geboten, würde der DLF in die andere Richtung einseitigen, schlecht recherchierten, offensichtlich ideologisch vorbelasteten Journalismus betreiben. Nur, um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen.

Die Kritik greift aber nicht nur bei der Ukraine-Russland-Berichterstattung. Wo man in den Informationssendungen zu Politik und Wirtschaft auch hinhört: es überwiegen in meinen Ohren stark konservative, nicht selten radikal konservative Töne. Dabei halte ich politisch konservative und liberale Stimmen und ihre Argumente für wichtig. Wo aber sind die anderen politischen Spektren im DLF noch zu hören? Es gibt sie sehr vereinzelt noch. Aber in den zentralen Politik- und Wirtschaftssendungen sind sie radikal (ich benutze dieses Wort bewusst, weil es mir politisch angemessen erscheint, angesichts der Dimension) marginalisiert. Das ist eine verheerende Entwicklung im Sinne der Pressefreiheit, auch im Sinne des Grundgesetzes. Das Bundesverfassungsgericht hat im März 2014 dankenswerterweise festgestellt: “Das Grundrecht der Rundfunkfreiheit (Art. 5 Abs. 1 Satz 2 GG) verlangt für die institutionelle Ausgestaltung der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten eine durchgehende Orientierung am Grundsatz der Vielfaltsicherung und eine konsequente Begrenzung des Anteils staatlicher und staatsnaher Mitglieder in den Aufsichtsgremien.” (kursive Hervorhebung, T.H.) Die politische Meinungsvielfalt zumindest aber scheint mir im DLF schon seit längerem nicht gesichert. Einseitigkeit aber war schon immer nicht nur demokratiefeindlich, sie geht in der Regel auch immer zu Lasten der inhaltlichen Qualität.

So ist es zumindest auffallend, dass, wie der Intendant des Deutschlandfunks, Willi Steul, selbst bestätigt hat, der DLF weniger Interviews mit PolitikerInnen der Linken führt als mit anderen Parteien (siehe dazu hier). Um erneut keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Dieser Sachverhalt wäre genauso zu kritisieren, wenn er andere Parteien beträfe oder wenn umgekehrt übermäßig viele Interviews mit PolitikerInnen der Linken geführt würden. Gerade heute hat WuG zurückgeschaut auf das vergangene Jahr. Obwohl Bündnis 90/Die Grünen ungefähr gleichstark im Deutschen Bundestag vertreten sind wie Die Linke, ja, Die Linke sogar marginal stärker vertreten ist, hat der Deutschlandfunk laut seinem Archiv 2014 162 Interviews mit PolitikerInnen von Bündnis 90/Die Grünen geführt, aber nur 60 Interviews mit PolitikerInnen der Linken. Diese Angaben umfassen Interviews mit Landes-, Bundes- und EuropapolitikerInnen, wobei in der Regel die meisten Interviews hiervon mit BundespolitikerInnen geführt werden. Allein im Dezember führte der Deutschlandfunk 15 Interviews mit PolitikerInnen der Grünen, aber nur vier Interviews mit PolitikerInnen der Linken (siehe hierzu im Detail, auch gewichtet nach Stärke im Bundestag, die monatliche Medienanalyse in WuG). Die Medienpräsenz aber ist mit entscheidend für die Meinungsbildung in der Bevölkerung.

Was nun die inhaltliche Qualität anbelangt, können wir leider auf unzählige Beiträge in WuG zurückblicken, die sich kritisch mit der Berichterstattung und der Interviewführung im Deutschlandfunk auseinandersetzen. Allein die heutigen Informationen am Morgen lieferten gleich zwei Fehlleistungen. Wie kann es sein, dass im Deutschlandfunk über die derzeitige Situation in Griechenland gesprochen wird, ohne die Massenarbeitslosigkeit auch nur mit einer Silbe zu erwähnen, wie es sich heute Christoph Heinemann im Interview mit dem stellvertretenden Unions-Vize Michael Fuchs leistete? Wenn Heinemann sich schon diesen radikalen Befürworter der “Reformen” in Griechenland und anderswo zum Interview einlädt, muss er ihn nicht wenigstens mit den katastrophalen Folgen seiner Politik konfrontieren und diese in Beziehung setzen zu der als Bedrohung an die Wand gemalten Stärke der linken Partei Syriza (siehe dazu auch kritisch hier)? Aber nein, das “Konzept” des Michael Fuchs scheint völlig widerspruchsfrei auch im Kopf von Christoph Heinemann zu sitzen. Von diesen Beispielen gibt es leider unzählige im DLF.

Hier sei abschließend nur ein ebenfalls heute erschienenes, etwas anders orientiertes Beispiel genannt. In einem anderen Interview ging es heute früh in derselben Sendung um den Mindestlohn. Obwohl aber der interviewte Bäcker-Unternehmer den Mindestlohn vor allem positiv beurteilte, zog der Deutschlandfunk diese Überschrift auf die erste Seite seiner Internet-Präsenz: “Dokumentationspflicht viel zu groß“. Der Bäcker-Unternehmer hatte aber ausdrücklich nur von einem “kleinen Kritikpunkt” gesprochen. Für die Leserschaft wie für JournalistInnen enthält die Überschrift in der Regel aber die zentrale Botschaft bzw. Aussage. Interessant auch, dass derselbe Heinemann, der Michael Fuchs keine kritische Frage stellte, beim Bäcker-Unternehmer mit kritischen Stichworten zum Mindestlohn nicht geizte. Dieses Muster ist leider allzu häufig präsent im DLF.

Eine schlimme Entwicklung für die Pressefreiheit, die Meinungsbildung und die Demokratie in Deutschland und Europa. Das ist sicherlich nicht übertrieben.

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