VW-Skandal: Vision und Menetekel

Gestern in der früh auf dem Fahrrad: Ein VW-Passat pustet mir seine manipulierten Abgaswerte ins Gesicht. Jetzt, zu dieses Jahreszeit, wird einem dies besonders bewusst, weil man den schmutzigen Atem auch sieht, der da aus dem Auspuff strömt. Ich suche schnell das Weite und denke, ist das nicht vielleicht der Kern der ganzen Geschichte: Die bisherige Motorentwicklung war und ist einfach ausgereizt. Gewiss, hier und da lässt sich noch an einer Stellschraube drehen. Aber wirklich groß etwas herauszuholen ist da nicht mehr. Und deswegen ist es nur konsequent, durchaus menschlich, allzu menschlich, dass in einem auf Gewinnmaximierung und Markteroberung ausgelegten System, auch Marktwirtschaft oder Kapitalismus genannt, zuerst der bequemere und billigere Weg des Manipulierens gesucht wird, anstatt eine neue, noch nicht durch Massenproduktion verbilligte, rentable Technologie voranzutreiben und am Markt zu etablieren und nicht zuletzt damit in Konkurrenz zur bisherigen Technologie zu treten. Daraus ergibt sich zweierlei: Vision und Menetekel.

Denn natürlich stellt sich dieses Problem nicht allein VW, sondern allen Autoherstellern, die bis jetzt ausschließlich oder vor allem auf konventionelle Technologie gesetzt haben.

Die Vision lautet: Hier wartet eine neue industrielle Revolution. Die Durchsetzung einer oder mehrere neuer Technologien, die die alte Technologie vollständig oder weitgehend obsolet werden lassen. Wer dieser Vision folgt, wird jetzt im schumpeterischen Sinne den Prozess der schöpferischen Zerstörung mit allen Mitteln vorantreiben, das Alte hinter sich lassen bzw. in den Dienst des Neuen stellen und das Neue entwickeln und am Markt etablieren. Wer zuerst kommt, malt zuerst. Tesla ist bereits da. Google kommt. Sie sind zunächst einmal gar nicht länger auf das Alte angewiesen. Ihre Produkte fahren buchstäblich auf eigenen Rädern mit eigener Technologie. Und doch ist das Rennen gerade erst eröffnet. Gut möglich, wahrscheinlich sogar, dass die alten Autokonzerne das Potenzial haben, vieles von ihrer Technologie für das neue technologische Zeitalter zu nutzen, sei es das Elektro-Auto oder das Solar-Auto oder was da sonst noch alles kommen mag.

Diese industrielle Revolution könnte sich durchaus auch ganz traditionell verwirklichen: Die Hersteller, die dem, was die Menschen erwarten, am meisten entsprechen, werden das Rennen gewinnen. Daraus erwächst ja gerade das Potenzial des Kapitalismus oder der Marktwirtschaft, des Unternehmertums. So betrachtet aber hat VW gerade nicht unternehmerisch gehandelt, sondern eben betrügerisch. Das wird, getreu nach Adam Smith, im für VW schlimmsten Fall mit dem “natürlichen Tod” bestraft: dem durch die Konkurrenz, die VW vom Markt fegt, weil sie die Gesetze des Kapitalismus besser befolgt, also investiert, erfindet, erobert, immer darauf ausgerichtet, den von den Menschen am Markt angemeldeten Bedarf zu befriedigen, ihn vielleicht sogar in die richtige Richtung zu lenken, hin zu einer gesünderen, nachhaltigeren, ökologischeren Autowelt.

Das Menetekel, das mit VW über den anderen konventionellen Autokonzernen schwebt, leitet sich direkt aus dieser positiven Vision ab: Haben sie nicht denselben Frevel begangen wie VW – was noch nicht gesichert ist -, dann können sie jetzt jener oben skizzierten Vision folgen, ohne von einem Skandal und seinen immensen Belastungen getroffen zu sein, wie VW es jetzt ist. Ansonsten wird es nur eine Frage der Zeit sein, dass auch sie von neuen, innovativen Herstellern unter Druck gesetzt werden, weil sie zulange am Alten festgehalten haben.

In all dem liegt auch die eigentliche Herausforderung nicht nur für das Management, sondern auch die Belegschaften: Was passiert beispielsweise mit den ganzen Ingenieuren, Fachleuten, Spezialisten der alten Technologie? Wenn sie nicht schnell ebenfalls jener Vision folgen und auf Veränderung setzen, die ihre eigene Veränderung mit einschließt, werden viele von ihnen verlieren, ihren Arbeitsplatz, ihren Lebensstandard. Visionär gewendet aber sind es gerade sie, die das Rüstzeug mitbringen, um sich erfolgreich auf das Neue einzulassen. Das zu realisieren, darin liegt die große Herausforderung. Das, was man über VW hört und liest, wie auch über die anderen Hersteller, lässt es allerdings fraglich erscheinen, dass die Beteiligten noch rechtzeitig die Kurve kriegen.


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