Frankreich, Deutschland: Frankreich entwickelt sich nicht schlechter als Deutschland

Für den leitenden Wirtschaftsredakteur der Tageszeitung “Die Welt”, Holger
Zschäpitz, und seine Kollegin, die Wirtschafts-Korrespondentin Anja Ettel, steht fest: Frankreich “gibt ein jämmerliches Bild ab“. Dass Frankreich “zur Gefahr für Europa” wird, liegt ihres Erachtens am “starren und unflexiblen Arbeitsmarkt”. Es ist wohl nicht zu pauschal zu behaupten, dass diese Interpretation der Auffassung der Mehrheit in Politik und Medien in Deutschland entspricht. Ein Blick auf die nüchternen Daten des europäischen Amts für Statistik, Eurostat, dürfte daher viele überraschen.

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Frankreich ist im ersten Quartal 2016 nicht nur saison- und kalenderbereinigt gegenüber Vorquartal genauso stark gewachsen wie Deutschland (0,7%), sondern, gemessen an den stabileren Ursprungswerten, gegenüber Vorjahresquartal sogar stärker als Deutschland (Frankreich: 1,4%; Deutschland: 1,3%). Trotz Terroranschlägen und politisch verhängtem Ausnahmezustand in Frankreich. Und bei wiederum nahezu identischer Entwicklung der realen Arbeitsproduktivität je Arbeitsstunde (Frankreich: 0,8%; Deutschland: 1,1%; Ursprungswerte gegenüber Vorjahresquartal). Im Vergleich mit dem ersten Quartal zu Beginn der Europäischen Währungsunion (EWU) 1999, ist die Arbeitsproduktivität in Frankreich sogar leicht stärker gestiegen, als in Deutschland (Frankreich: +13%; Deutschland: +12,5%).

Nun hat zuletzt zwar sogar der Ökonom Heiner Flassbeck im Rahmen seiner Konjunkturanalyse für die Europäische Währungsunion (EWU) gemeint, “erst wenn es eine unzweideutige Belebung der Konjunktur gibt, kann man auch mit den Arbeitslosenzahlen wieder als Konjunkturindikator arbeiten” (siehe kritisch dazu hier); aber die offizielle Statistik verrät auch hier – wie für die EWU insgesamt – den engen Zusammenhang von Konjunktur und Arbeitslosigkeit: So ist bei gleichem Wachstum im ersten Quartal 2016 auch die saisonbereinigte Arbeitslosenquote in Frankreich im selben Ausmaß wie in Deutschland gegenüber Vorquartal gesunken, um 0,1 Prozentpunkte (zur langfristigen Entwicklung von Konjunktur und Arbeitsangebot wie auch der von Konjunktur und Arbeitsnachfrage in Frankreich siehe hier).

Das spricht zumindest nicht dafür, dass in Frankreich ohne Arbeitsmarktreformen der Zusammenhang von Konjunktur und Arbeitslosigkeit nicht genauso gelten würde wie in Deutschland. Das zeigt im übrigen auch unsere weiter zurückreichende monatliche Konjunkturanalyse für beide Länder.

Die oben ausgewiesenen Daten belegen darüber hinaus aber vor allem, dass das Wirtschaftswachstum in beiden Ländern nicht angemessen ist, um die Arbeitslosigkeit spürbar zu senken. Auch in Deutschland lag die Arbeitslosenquote nach der Bundesagentur für Arbeit, die wir, was das Niveau der Arbeitslosigkeit anbelangt, für wesentlich aussagekräftiger erachten als die harmonisierte Arbeitslosenquote von Eurostat (siehe dazu hier), zuletzt bei sechs Prozent. Das ist immer noch doppelt so hoch wie der Wert, den beispielsweise das ehemalige Mitglied des Sachverständigenrats für die gesamtwirtschaftliche Entwicklung, Claus Köhler, als Vollbeschäftigung definiert: eine Arbeitslosenquote von drei Prozent. Die noch deutlich darüber liegende Unterbeschäftigungsquote und der fatale Niedriglohnsektor in Deutschland (Ergebnis der deutschen Arbeitsmarktreformen) lassen das Bild noch einmal prekärer erscheinen. Warum also sollte Frankreich versuchen, an diesem deutschen Unwesen zu genesen? Wer dafür plädiert, der hat offensichtlich vergessen, sich der Daten und Zusammenhänge zu versichern, oder aber die Ideologie erlaubt es ihm nicht anders.


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