Konjunktur in Deutschland und Europa: Flassbecks Bashing des Statistischen Bundesamts erscheint weder fundiert noch gerechtfertigt

Der Ökonom Heiner Flassbeck schimpft – nicht zum ersten Mal – über das Statistische Bundesamt. Seine Kritik erscheint aber weder fundiert noch gerechtfertigt, der schrille Ton noch dazu kaum zielführend.

Flassbeck unterstellt dem Statistischen Bundesamt, dass dessen vorläufiges Ergebnis des Bruttoinlandsprodukts im zweiten Quartal ein Produkt der Phantasie sei, und dass das Amt seine Berechnungen nach den Erwartungen der Politiker ausrichten würde:

“Wir habe es schon oft gesagt und müssen es leider wiederholen: Diese Zahlen sind das Papier nicht wert, auf das sie gedruckt sind. Der Skandal, dass die Statistiker mit viel Phantasie das produzieren, was die Politiker erwarten, wird immer größer. Er potenziert sich aber dadurch, dass eine unkritische Medien- und Wissenschaftslandschaft diese Zahlen begierig aufgreift und als reine Jubelmedien in die Welt hinausposaunt. Unsere langjährige Forderung, die Berechnung der Zahlen in der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung total offenzulegen, wird von Tag zu Tag wichtiger.”

Schon den ersten Satz in der Pressemitteilung des Statistischen Bundesamts, “die deutsche Wirtschaft wächst weiter”, stuft Flassbeck als “grobe Irreführung der Öffentlichkeit” ein. Das sind schwere Vorwürfe, die Flassbeck noch dazu nicht belegt. Denn das, was er empirisch leistet, ist keineswegs dazu geeignet.

Zum einen beschränkt sich Flassbeck auf den Vergleich der Zuwachsraten mit dem Vorquartal. Der Vergleich mit dem Vorjahreszeitraum, der sowohl vom Statistischen Bundesamt, als auch in unserer Konjunkturanalyse auf Basis der unseres Erachtens stabileren und verlässlicheren Ursprungswerte durchgeführt wird, scheint nicht Bestandteil der Analyse von Flassbeck zu sein. Beide Vergleiche heranzuziehen, erscheint aber wesentlich, um Fehleinschätzungen zu vermeiden, wie zuletzt unsere Analyse der wirtschaftlichen Aktivität im ersten Quartal, aber auch im zweiten Quartal gezeigt hat.

Zum anderen beschränkt sich Flassbeck auf Teilbereiche der Wirtschaft, misst diesen die Qualität “harter Daten” zu (“das sind die Daten, die kurzfristig wirklich vorliegen”) und erklärt die Entwicklung der Industrie zum Maßstab aller Dinge: “Die Industrie ist nun einmal der Bereich, wo die konjunkturelle Musik spielt; spielt sie dort nicht, spielt sie nirgendwo.” Letzteres haben wir bereits in einer weiter zurückliegenden Analyse untersucht und infrage gestellt (siehe hier), ohne der Industrie grundsätzlich ihre Bedeutung für die Konjunktur abzusprechen. Was nun den Einzelhandel anbelangt, auf den sich Flassbeck beruft, wenn er von “harten Daten” spricht, und hierfür die Deutsche Bundesbank als Quelle heranzieht, ist gerade ebenda zu lesen:

“Die erste vorläufige Veröffentlichung der Resultate eines Berichtsmonats basiert auf den Ergebnissen von 9 Bundesländern. Entsprechend kommt es mit der Bekanntgabe des Messzahlenberichts, der die Meldungen aller Bundesländer beinhaltet sowie die ersten Schätzungen für verspätete Meldungen mit den tatsächlichen Werten ersetzt, in der Regel zu Revisionen.”

So sind dann auch alle Werte für das Jahr 2016 und sogar für das Jahr 2015 sowohl bei der Deutschen Bundesbank, als auch beim Statistischen Bundesamt als vorläufiger Wert ausgewiesen. Laut der letzten Pressemitteilung des Statistischen Bundesamts lag der saison- und kalenderbereinigte Index zum realen Umsatz im Einzelhandel im Juni, also zum Ende des zweiten Quartals, mit 106,4 über dem im März, zum Ende des ersten Quartals also, mit 105,7. Gemessen an den Ursprungswerten lag der reale wie der nominale Einzelhandelsumsatz nach dem aktuellsten Stand laut der Online-Datenbank des Statistischen Bundesamts mit dem Indexwert 106,6 (p=immer noch vorläufig) um 2,8 Prozent über dem Wert des Vorjahreszeitraums.

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Dass, wie Flassbeck schreibt, der Einzelhandel “der wichtigste Indikator für die Konsumentwicklung ist”, ist, ungeachtet seiner wichtigen Bedeutung, nicht immer der Fall. So waren im ersten Quartal die Konsumausgaben der privaten Haushalte im Inland, die dem Einzelhandel zugeordnet werden können (Nahrungsmittel, Getränke, Tabakwaren; Bekleidung und Schuhe; Einrichtungsgegenstände, Geräte für den Haushalt) mit 92,195 Mrd. Euro niedriger als die Ausgaben für Wohnung, Wasser, Strom, Gas und andere Brennstoffe mit 96,024 Mrd. Euro. Beachtlich auch die Anteile, die für Verkehr, Nachrichtenübermittlung, Freizeit, Unterhaltung und Kultur, Beherbergungs- und Gaststättendienstleistungen und “Übrige Verwendungszwecke”, darunter Gesundheitspflege, Bildungswesen, Dienstleistungen sozialer Einrichtungen, Versicherungen und Finanzdienstleistungen, sonstige Dienstleistungen, ausgegeben werden (siehe hier, Tabelle 2.3, Seite 17). Die Zuwachsraten der einzelnen Ausgabenposten schwankten gegenüber Vorjahreszeitraum zwischen 0,4 Prozent (Bekleidung und Schuhe) und sieben Prozent (Berherbergungs- und Gaststättendienstleistungen). Preisbereinigt war die Spannbreite kaum geringer (0,4%; 4,6%). Das stellt die Bedeutung des Einzelhandels für die Konjunktur nicht grundsätzlich infrage; es ist, wie bei der Industrie, der Absolutheitsanspruch, den Flassbeck vertritt, der stört und die fehlende Vergewisserung über die Daten und Entwicklungen.

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Anders als die von Flassbeck angeführten Indikatoren, die nur Teilbereiche der Wirtschaft abbilden, ist die Entwicklung am Arbeitsmarkt ein verlässlicherer Indikator der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, wie gerade erst wieder der Vergleich des vom Statistischen Bundesamt nach den vorläufigen Zahlen berechneten BIP mit der von uns nach der Methode des ehemaligen Mitglieds des Sachverständigenrats, Claus Köhler, berechneten Spannungszahl erwiesen hat (siehe hier). Das gilt im übrigen auch für die Konjunktur in der Europäischen Währungsunion (siehe hierzu auch ausführlich hier). Warum das so ist haben wir in vorangegangenen Analysen immer wieder erläutert.


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