Medien, Konjunktur: Erneut fragwürdige Konjunkturberichterstattung in Makroskop

Wir haben die Konjunkturberichterstattung des Ökonomen Heiner Flassbeck, respektive die des von ihm mit herausgegebenen Blogs Makroskop bereits des Öfteren kritisch aufgegriffen (siehe hier, hier, hier und hier). Regelmäßig beobachten wir – nicht nur zu diesem Thema – keineswegs allein die einschlägigen Medien, sondern auch die sich als alternativ hierzu begreifenden Angebote. In einem Vorspann zu einem im Abonnement erschienenen Artikel ist heute auf der Internetseite von Makroskop über die Konjunktur im Euroraum das folgende zu lesen:

“Der wichtigste Indikator für die europäische Konjunktur hat sich auch im September kaum bewegt. Die Industrieproduktion im Euroraum liegt immer noch nur ganz wenig über dem Niveau, das sie Anfang vergangenen Jahres schon erreicht hatte. Damit ist das Niveau der Industrieproduktion im Euroraum seit Mitte 2011 praktisch nicht mehr gestiegen.”

Wir können den vollständigen Artikel nicht einsehen, weil wir Makroskop nicht abonniert haben. Der Inhalt des Vorspanns ist aber schon für sich genommen gleich aus mehreren Gründen problematisch.

Erstens: Dass die Industrieproduktion “der wichtigste Indikator für die europäische Konjunktur” sei, ist schon deswegen in Frage zu stellen, weil die Industrie zwar einen wichtigen, aber eben nur einen Teil der Gesamtwirtschaft abbildet – dessen Bedeutung noch dazu sinkt (siehe zur Problematik auch hier und hier).

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Zweitens: Zwar bildet die Entwicklung der Industrieproduktion dennoch den Konjunkturverlauf – die Entwicklung des realen Bruttoinlandsprodukts (BIP) – zumeist recht zuverlässig ab, wie unsere Graphik unten veranschaulicht. Dennoch überrascht es nicht, dass dies gerade in Krisenzeiten nicht der Fall ist, wie die unterschiedliche Dynamik bei Industrieproduktion und BIP in der Entwicklung zwischen 2008 und 2012 besonders deutlich macht. Die Entwicklung am Arbeitsmarkt zeigt im Vergleich zur Industrieproduktion dagegen das wahre Ausmaß der Konjunkturschwankungen auch in Krisenzeiten zuverlässig an – was Flassbeck generell infrage gestellt hat, wir aber widerlegt haben (siehe hier).

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Drittens: Man kann durchaus der Meinung sein, wie wir dies in unseren Konjunkturanalysen verschiedentlich begründet haben, dass das Wirtschaftswachstum in der Europäischen Währungsunion (EWU) nicht angemessen ist, zum Beispiel, weil es nicht ausreicht, um die sehr hohe Arbeitslosigkeit in einem zeitlich vertretbaren Rahmen auf ein erträgliches Niveau zu senken. Bei einem Wachstum der Industrieproduktion gegenüber Vorjahreszeitraum, das in den zurückliegenden sechs Quartalen jeweils zwischen ein bis über zwei Prozent lag, führt es jedoch in die Irre, von Stagnation, also Stillstand, zu sprechen (1). Falsch ist es auch, zu meinen, dass die Industrieproduktion “immer noch nur ganz wenig über dem Niveau, das sie Anfang vergangenen Jahres schon erreicht hatte” liegt. Gegenüber “Anfang vergangenen Jahres” ist die Industrieproduktion – je nachdem, ob man den Wert aus dem vierten Quartal 2014 oder den Wert aus dem ersten Quartal 2015 zugrundelegt – kalender- und saisonbereinigt bis zum dritten Quartal 2016 um drei bzw. über 1,6 Prozent gewachsen. Legt man die teils stark schwankenden Monatswerte zugrunde (Dezember 2014 bzw. Januar 2015 und September 2016), ist die Industrieproduktion um über 2,2 Prozent bzw. 2,4 Prozent gewachsen. Das mag, wie bereits erwähnt, nicht viel bedeuten, angesichts des vorangegangenen Konjunktureinbruchs; es ist aber sicherlich nicht “immer noch nur ganz wenig”.

Viertens: Noch irreführender ist der Vergleich mit dem “Niveau der Industrieproduktion im Euroraum seit Mitte 2011″. So zeigt die Graphik von Eurostat zur Meldung über die Industrieproduktion im September 2016, auf die sich die Berichterstattung in Makroskop ja offensichtlich bezieht, ganz hervorragend, dass das Niveau der Industrieproduktion von “Mitte 2011″ bis Ende 2012 überaus kräftig gesunken ist, seitdem aber wieder steigt. Die “Signale” stehen seitdem also keineswegs “weiter auf Stagnation”. Das zu meinen setzt voraus, die Konjunktur, über die man vorgibt zu berichten, geradewegs auszublenden.

Fünftens: Dass die Industrieproduktion nur einen Teilbereich der Wirtschaft abbildet ist ein Nachteil; ein anderer ist, dass im Vergleich zu den Arbeitsmarktdaten, der Veröffentlichungstermin relativ weit zurückliegt. Das gilt insbesondere für Deutschland, wo die Arbeitsmarktdaten bereits zum Ende des laufenden Monats veröffentlicht werden. Zeitnah vorliegende Konjunkturindikatoren, die eine zuverlässige Einschätzung der Entwicklung der gesamtwirtschaftlichen Aktivität ermöglichen, sind nicht zuletzt deswegen von Bedeutung, weil sie der Wirtschaftspolitik erlauben, rechtzeitig in die eine oder andere Richtung in die Konjunktur einzugreifen, um diese zu stabilisieren.

(1) Berechnungsgrundlage sind kalender- und saisonbereinigte Quartalswerte von Eurostat jeweils für die zurückliegenden sechs Quartale; Ursprungswerte (unbereinigte Daten) werden zwar für einzelne Länder wie Deutschland auch für die Industrieproduktion ausgewiesen, nicht aber für den Euroraum als ganzes.


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