Brexit: Gabor Steingart versteht Handel als Einbahnstraße

Die Reaktionen der einschlägigen deutschen Medien auf die Regierungserklärung der britischen Premier-Ministerin Theresa May zum Brexit waren vorhersehbar. So wie es die Reaktionen auf das Interview der Bild-Zeitung und der Times mit Trump waren (siehe hierzu unsere Analyse hier). Grundlage für das weit verbreitete Unverständnis, das deutsche Journalisten und Politiker der Argumentation Trumps und Mays entgegenbringen, ist, wie wir gestern erst wieder erläutert haben, das Ausblenden des Außenhandelsüberschusses, den Deutschland mit dem Rest der Welt erzielt. Und das, obwohl dieser international nicht erst von Trump und May angeprangert wird, sondern seit vielen Jahren von verschiedensten Institutionen und Regierungen, auch unter Obama (siehe hierzu eine unserer Analysen aus dem Jahr 2015 mit weiterführenden Literaturhinweisen zu vorangegangenen Beiträgen zum Thema hier oder direkt zur wiederholten Kritik des US-Finanzministeriums und der vorhersehbaren Reaktion der Bundesregierung hier). Eine Erklärung dafür, warum Politik und Medien in Deutschland sich so konsequent auf dem einen Auge blind zeigen, liefert heute früh – sicherlich ungewollt – der Herausgeber des Handelsblatt, Gabor Steingart.

Gewohnt locker formuliert Steingart zur Regierungserklärung Mays:

“Großbritannien ist auf Importe dringend angewiesen. Die europäischen Einfuhren übersteigen die Ausfuhren um nahezu 100 Prozent. Oder anders ausgedrückt: Würde Großbritannien tatsächlich in Gänze Europa verlassen, wären die Regale halb leer, die Straßen gehörten den Radfahrern und Liverpool stünde ohne Trainer da.”

 

Was aber passiert in Europa, vor allem in Deutschland, wenn in Großbritannien “die Regale halb leer” bleiben? Das lässt Steingart außen vor. Für Steingart ist Handel offensichtlich eine Einbahnstraße. Der nach den USA größte Anteil des deutschen Exportüberschusses entfällt aber auf Großbritannien. Nach der jüngsten Veröffentlichung des englischen Amts für Statistik war das Außenhandelsdefizit Großbritanniens mit Deutschland zuletzt höher, als das mit China.

Wichtige Partner Großbritanniens im Außenhandel mit Waren: Das größte Defizit realisierte Großbritannien zuletzt mit Deutschland

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Das Amt für Statistik erläutert dazu: Deutschland war Großbritanniens Top-Import-Partner mit Einfuhren über sechs Milliarden Pfund im November 2016, ein Anstieg von 0,5 Milliarden gegenüber Oktober 2016. Die Grundlage dafür waren steigende Importe von Autos und Flugzeugen.

Was passiert also wohl in Deutschland, wenn in England, wie Gabor Steingart meint, “die Regale halb leer bleiben”? Dann gehen voraussichtlich sehr viele Arbeitsplätze in Deutschland verloren. In der Auto-Industrie zum Beispiel. Die Einkommen der davon betroffenen Menschen sinken. Vielleicht müssen auch sie bald aufs Fahrrad umsteigen, weil sie sich das Auto nicht länger leisten können. Diejenigen, die sich dann zu sorgen beginnen, dass es ihnen auch so ergehen könnte, halten ihr Geld lieber vorsorglich beisammen. Dadurch wird der private Konsum in Deutschland in Mitleidenschaft gezogen. Es wird dann noch weniger in Deutschland eingekauft als ohnehin schon. Wenn in England die “Regale halb leer bleiben”, müssen folglich in Deutschland die Regale nur noch in größeren Zeitabständen wieder aufgefüllt werden, weil sie länger voll bleiben, weil Menschen mit geringerer Kaufkraft sie langsamer leer kaufen. Handel ist keine Einbahnstraße. Darauf, dass Deutschland vom Brexit besonders betroffen ist, haben wir bereits am 24. Juni vergangenen Jahres aufmerksam gemacht (siehe unsere Analyse hier). Vielleicht klärt Gabor Steingart seine Leser in seinem Morning Briefing morgen einmal darüber auf oder, noch einfacher, leitet diesen Artikel an sie weiter. Wir sind gespannt.


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