Archiv für Rezension

Rezension: Friede, Freude, Freihandel

Titel Friede Freude Freihandel - 30-03-2017

Der Titel des hier besprochenen Buches kommt so frisch daher, dass wir ihn für die Rezension übernehmen. Dass die Autoren – Christian Christen, Thomas Eberhardt-Köster und Roland Süß – ihn mit einem großen Fragezeichen versehen, macht schon der Untertitel deutlich: “Theorie, Ideologie und Praxis einer fixen Idee”. Die Größe des kleinformatigen Buches liegt aber gerade darin, dass es ganz wunderbar erklärt, dass Theorie, Ideologie und Praxis des Freihandels wenn überhaupt nur im übertragenen oder eben wertenden Sinne einer fixen Idee geschuldet sind, diese sich aber keineswegs fix entwickelt hat, sondern auf weit zurückreichenden Überlegungen basiert. Das als “Basistext” deklarierte Werk ist dabei regelrecht anspruchsvoll im Inhalt, ist aber durch die gelungene Sprache auch dem unbedarften Leser zugänglich. Was vor allem im theoretischen Teil hervorsticht: Die Autoren agitieren nicht, sondern analysieren, sie verurteilen nicht, sondern urteilen. Sie grenzen sich damit wohltuend ab sowohl von konservativ ideologisch motivierten Schreiberlingen, als auch von denen, die in ihrem Kampf gegen den von ihnen so genannten Neoliberalismus alles über einen Kamm scheren. Dass das wissenschaftliche Gewand letzterer genauso löchrig ist wie das der von ihnen kritisierten “Mainstream-Ökonomen” ist zumeist aber wohl nur für den beschlagenen Leser leicht zu erkennen. Das dafür notwendige Wissen kann das Buch von Christen, Eberhardt-Köster und Süß größtenteils ganz vortrefflich vermitteln.

Rezension: Macht und Ohnmacht in den deutschen Wirtschaftswissenschaften

Heterodoxie

Im allgemeinen Sprachgebrauch ist Heterodoxie eine Lehre, die von der offiziellen Kirchenlehre abweicht. Für strenggläubige Vertreter der offiziellen Lehre (griechisch orthodoxía=Rechtgläubigkeit, Strenggläubigkeit) ist Heterodoxie dann auch gleichsam eine Irrlehre. Das griechische heterodoxía heißt aber zunächst einmal nur: verschiedene Meinung. Verschiedener Meinung sein, anderer Meinung sein (heterodoxein) zu dürfen erscheint aber nicht nur für das friedliche Zusammenleben innerhalb und zwischen verschiedenen Relegionsgemeinschaften existenziell. Für die Wissenschaft sind verschiedene Meinungen geradezu Voraussetzung dafür, alte Erkenntnisse zu prüfen und neue Erkenntnisse zu gewinnen. Was für die Naturwissenschaften heute aber selbstverständlich ist, scheint noch lange nicht für die Wirtschaftswissenschaften in Deutschland zu gelten, folgt man Arne Heise, Henrike Sander und Sebastian Thieme in ihrem Buch “Das Ende der Heterodoxie? Die Entwicklung der Wirtschaftswissenschaften in Deutschland”. Den großen Bogen spannend, differenziert und akribisch zugleich untersuchen die Wissenschaftler das komplizierte Geflecht, das darüber bestimmt, welche Lehre zur herrschenden wird.

Der Ursprung der Krise: falsche Ideen – Von Adrien de Tricornot (deutsche Übersetzung: Gerhard Kilper)

Liebe Leserinnen und Leser,

die folgende Rezension zweier kritischer Buch-Essays zu den theoretischen Grundlagen der Ökonomie als Wissenschaft durch den Wirtschaftsjournalisten Adrien de Tricornot ist zuerst, am 10. September 2014, in der Pariser Tageszeitung Le Monde erschienen. Gerhard Kilper hat sie für Wirtschaft und Gesellschaft – Analyse & Meinung ins Deutsche übersetzt. Die Übersetzungen Gerhard Kilpers gewähren uns nunmehr seit geraumer Zeit wertvolle Einblicke in die französische Presse und die dort stattfindenden Diskussionen wirtschafts- und gesellschaftspolitischer Themen.

Rezension/Tabula rasa: Muss man ins Theater, um die SPD zu verstehen? Ja, man muss!

Jürgen Kuttner und Tom Kühnel sind nicht nur großartige Regisseure, sie sind auch großartige Archivare. Diesmal haben sie Tabula rasa von Carl Sternheim ausgegraben. Der hat der SPD schon vor rund 100 Jahren den Spiegel vorgehalten. Der politische Rahmen, der den Spiegel hält, ist moderner geworden, mit der Zeit gegangen. Das Spiegelbild nicht. Es ist, so komisch die Grimassen auch sind, die es in Tabula rasa schneidet, erschreckend aktuell.

Rezension, Gorkis Wassa Schelesnowa im Deutschen Theater: Wenn der Kapitalismus an einem vorbeizieht

An Bravos hat es nicht gemangelt, am Ende der gestrigen Premiere von Gorkis Wassa Schelesnowa im Deutschen Theater. Und in der Tat, Corinna Harfouch spielt die Unternehmens-und Familien-Matriarchin Schelesnowa so intensiv durch alle Gefühlsebenen, das einem immer wieder der Atem stockt. Wunderbar in der Intonation und zumeist wirklich komisch auch Bernd Stempel in der Rolle des Geschäftsführers Michailo Wassilijew. Die meisten anderen Figuren aber wirken doch reichlich überdreht. Die Tiefe des Stücks, die Verzweiflung, das Misstrauen, die persönliche Härte gegen sich selbst und andere, das Aufnehmen der Gier und der Idiotie der anderen und die eigene Zerrissenheit werden von Harfouch transportiert. Sie wirkt wie ein Magnet auf der Bühne, der die anderen Beteiligten immer wieder anzieht und abstößt. Die Außeneinflüsse, die bittere Not, die die Krise des Unternehmens begründen, gehen in dem Familienwahnsinn fast unter, fallen wie Brotkrumen auf den spartanischen Küchentisch im ebenso spartanischen Bühnenbild (Katja Haß), das die Einheit zwischen Familien- und Unternehmensschicksal bestens demonstriert: Ein Stahlskelett wie es für Fabrikhallen kennzeichnend ist, in dem eine Küche angedeutet wird, im Hintergrund eine Art Schlafzimmer mit Garderobe und eine weitere Garderobe auf der anderen Seite der Bühne. Beide dienen den SchauspielerInnen im Verlauf des Stücks als Umkleide. Das alles ist gut ausgedacht.

Rezension: Ein Buch, das ökonomisch Interessierten die Augen öffnet

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Nicht nur der gemeine Zeitungsleser, Radiohörer und Fernsehzuschauer wird, geht es um “die Wirtschaft”, regelmäßig mit vermeintlichen “ökonomischen Wahrheiten” konfrontiert, die ihm aufgrund seiner eigenen Lebenssituation oder seines gesunden Menschenverstands nicht schlüssig erscheinen, die er aber angesichts der “Autoritäten”, die jene Wahrheiten zumeist unwidersprochen vortragen, kaum wagt in Frage zu stellen. Dass jene Wahrheiten zumeist unwidersprochen bleiben, zeigt wiederum, dass auch der Journalismus nicht das Wissen oder nicht das Interesse hat, die herrschende Meinung in der Wirtschaftswissenschaft und der Wirtschaftspolitik zu hinterfragen. Wirtschaftswissenschaft und Wirtschaftspolitik sehen sich dadurch ihrerseits nicht genötigt, an ihren Thesen zu zweifeln. Gern berufen sich deren Protagonisten auf die großen Denker der Volkswirtschaftslehre. Das ist nicht selten dazu geeignet, auch die letzten Zweifler mundtot zu machen. Wenige aber nur haben jene großen ökonomischen Denker gelesen. Noch weniger haben sie verstanden. Das gilt auch für die Meisten, die sich herausnehmen, sie zu zitieren. Ihnen allen kann die “Geschichte des ökonomischen Denkens” von Heinz D. Kurz weiterhelfen, das in der Reihe Wissen des C.H. Beck Verlags erschienen und, man lese und staune, für 8,95 Euro zu erstehen ist. Ein Buch also, das sich nicht nur an einen breiten Leserkreis richtet, sondern auch für einen breiten Leserkreis erschwinglich ist.

Rezension: So führen Geschichte der Wirtschaftswissenschaften und Methodenstreit nicht weiter

Titel - 19-04-2014

Der Titel klingt vielversprechend, wenn auch etwas gespreizt: “Die Ökonomik im Spannungsfeld zwischen Natur- und Geisteswissenschaften. Alte und neue Perspektiven im Licht des jüngsten Methodenstreits.” Und auch der Name des Herausgebers, Heinz D. Kurz, lädt zur Lektüre ein. Jedenfalls diejenigen, die seine Herausgabe von David Ricardos Grundsätzen der Politischen Ökonomie und der Besteuerung in der Übersetzung von Gerhard Bondi aus dem Jahr 1994 gelesen haben oder ihn aus Artikeln in Zeitungen kennen, in denen es ihm stets gelingt, den großen wirtschaftshistorischen und -theoretischen Bogen auch über einen kleinen Raum zu spannen. Und ein weiterer erfahrener und – durchaus eine Seltenheit unter renommierten deutschen Ökonomen – undogmatischer Wirtschaftswissenschaftler und Autor, Jürgen Kromphardt, ist unter den Verfassern. Welche Studierenden der Wirtschaftswissenschaften kennen sie schließlich nicht, seine “Konzeptionen und Analysen des Kapitalismus”? – Um ehrlich zu sein: Ich fürchte allzu viele! Und doch enttäuscht das Buch, das im Rahmen der “Schriften des Vereins für Socialpolitik” im Berliner Duncker & Humblot Verlag erschienen ist.

Rezension/Der Besuch der alten Dame/Deutsches Theater: Sterblich verliebt

Das Lied vom Tod spielt am Bahnhof. Keine Mundharmonika. Klavier. Kein Bahnhof im Niemandsland. Ein altes Dorf. Keine Cowboys. Alteingesessene Dorfbewohner. Aber zu Killern werden auch sie. Der Zug bringt auch keinen Rächer. Eine Rächerin. Sie kehrt zurück. Betrogen und verzweifelt hat sie es verlassen, ihr Dorf. Vor vielen Jahren. Schwanger. Reich kehrt sie zurück. Dafür ist ihr Dorf jetzt arm. Noch ist es nicht ihr Dorf. Aber sie ist gekommen, um es zu kaufen. Und ihre Bewohner gleich mit. Geld spielt keine Rolle. Aber der Preis ist auch nicht bezifferbar. Es ist ein Menschenleben. Der soll es hergeben, der sie damals geliebt und dann so brutal hat fallen lassen. Als Hure musste sie sich verdingen, um zu überleben. “Die Welt machte mich zu einer Hure, nun mache ich sie zu einem Bordell.” Der Täter, der ihr jetzt zum Opfer wird, eben noch für das Bürgermeisteramt vorgesehen, muss hilflos zusehen, wie sich die Menschen um ihn herum kaufen lassen. Macht und Geld auf der einen und Armut auf der anderen Seite machen gefügig. Und Verletzungen können noch größere hervorrufen. Enttäuschte Liebe kann tödlich sein.

Rezension: Ungleichheit zerstört Vertrauen – Was “Das Spiel ist aus” so aktuell macht

Oh, nein, schon wieder Freikörperkultur, denke ich, als Eve Charlier und Pierre Dumaine wie Gott sie geschaffen hat ins Totenreich eintreten. So mein erster Gedanke. Weit gefehlt. Denn wie ließe sich klarer vermitteln, dass hier Gleichheit herrscht, der Materialismus, den die eine, Eve, im Reich der Lebenden noch bis eben verkörpert und deren politische Verfechter der andere, Pierre, noch bis eben bekämpft hat, keine Rolle mehr spielt? Gleichsam wie Adam und Eva vor dem Sündenfall.

Rezension: Max Weber wäre heute wohl streitbarer Außenseiter – die Gründe dafür lassen ihn so aktuell erscheinen

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So sehr der Name Max Weber und der seines Hauptwerkes “Wirtschaft und Gesellschaft” in vielen wissenschaftlich geschulten Köpfen noch verankert sein mögen, so wenig ist Max Weber in der öffentlichen Diskussion, der wissenschaftlichen wie der politischen, präsent. Wie wenig Aufhebens sein Geburtstag bereitet, der sich in diesem Jahr das 150. Mal jährt, mag diesen Standpunkt unterstreichen. Wieviel Orientierung uns Max Webers Denken und Wirken dagegen auch heute noch zu bieten weiß, sowohl, was das Verständnis seiner Zeit und der sie prägende Stand der Wissenschaft und Gesellschaft anbelangt, als auch die Aktualitätsbezüge zur heutigen Welt, zeigt das ebenso breit angelegte wie in die Tiefe gehende Buch von Wolfgang Hellmich auf, das unter dem Titel “Aufklärende Rationalisierung, Ein Versuch, Max Weber neu zu interpretieren”, in der Reihe “Erfahrung und Denken, Schriften zur Förderung der Beziehungen zwischen Philosophie und Einzelwissenschaften” im Berliner Duncker & Humblot Verlag erschienen ist.