Tag Archiv für Handelsblatt

Gabor Steingarts Fehldiagnose

Gut, dass Gabor Steingart nicht Arzt, sondern Journalist geworden ist. So leichtfüßig, wie er die “Schuldenmacher aller Staaten” für “geisteskrank” erklärt. Sein “Morning Briefing” ist zwar unterhaltsam zu lesen – ganz im Gegensatz zur besserwisserischen Verkniffen- und Verbissenheit einiger sich als alternativ begreifender Blogs und Medien. In diesem Fall aber könnte Steingarts erfrischende Eloquenz doch leicht über einen fundamentalen Trugschluss hinwegtäuschen.

SPD-Bundestagswahlkampf: Der Unterschied zwischen Vermittlungs- und Glaubwürdigkeitsproblem

Die Partei hat offensichtlich ein Vermittlungsproblem“, schlussfolgert Heike Anger im Handelsblatt in ihrem ansonsten interessanten Bericht über den angehenden “Kampf um das Kanzleramt”. Bestätigung holt sie sich bei Frank Stauss:

“Das sieht auch Frank Stauss so. Der Wahlkampf- und Werbeexperte spielte jüngst vor der SPD-Fraktion den Einpeitscher. Er hat, was den Genossen derzeit oft fehlt: Mut.”

Journalismus, Bezahlschranke: Handelsblatt-Journalist missversteht “Teaser” – oder wollte er einfach nur nicht bezahlen?

Der folgende Dialog verdient Aufmerksamkeit, weil er von grundsätzlicher Bedeutung für die Unabhängigkeit und die Qualität des Journalismus ist. Der Handelsblatt-Journalist Franz Hubik teilte mir heute früh auf dem Kurznachrichtendienst twitter mit, dass ich ihm “doch bitte den ganzen Beitrag” über die gestern im Abonnement veröffentlichte Analyse zum Protektionismus in der Stahlindustrie schicken solle. So könne er “nicht einmal erahnen, warum Strafzölle ´völlig ungerechtfertigt´ sein sollen”. Ich hatte zuvor, nach Veröffentlichung der Analyse bei twitter geschaut, wer denn alles zum Thema in den vergangenen Tagen veröffentlicht und kommentiert hat. Dabei war ich auch auf einen tweet von Hubik gestoßen, der auf einen Artikel von sich zum Thema aufmerksam machte. Der Artikel entspricht dem allgemeinen Tenor in den Medien, den meine Analyse einleitend kritisch aufgreift. Daher antwortete ich auf den tweet Hubiks und machte auf meine Analyse aufmerksam. Als ich ihm nun auf seine Bitte hin, ihm “doch bitte den ganzen Beitrag” zu schicken, antwortete, dass der Beitrag “vollständig nur im Abonnement” erscheine, antwortete Hubik: “dann eben nicht. Sorry”. Ich antwortete ihm daraufhin: “Kein Problem. Guter Journalismus muss halt bezahlt werden.” Worauf er mir antwortete: “eh, aber dann sollte man ihn zumindest erahnen können” und spielte dabei wohl auf den frei lesbaren, einleitenden Teil der Analyse, den so genannten Teaser an. Ich schrieb zurück: “Nein, gerade nicht. Sie belegen es ja. Das @handelsblatt könnte Sie auch nicht bezahlen, hätte es nicht Abonnenten und ´Premium´.” Worauf Hubik eine sehr merkwürdige Erwartung an den Teaser äußerte, den er an die Zeitung, für die er arbeitet und von der er bezahlt wird, wohl noch nicht gerichtet hat, was für ihn gut ist, denn sonst könnte ihn das Handelsblatt vielleicht nicht länger bezahlen:

Staatsfinanzen: So sicher ist Schäubles “Tragfähigkeitsbericht” – und so unsicher dessen Interpreten

Die Aufregung ist groß, und das von ganz unterschiedlichen Seiten: Es gibt einen neuen so genannten Tragfähigkeitsbericht aus dem Hause des Bundesministers für Finanzen, Wolfgang Schäuble. Der allerdings liegt bisher nur exklusiv einigen Medien vor, ist also noch nicht offiziell veröffentlicht und somit auch uns nicht zugänglich. Anders als “Die Welt” und das sie kritisierende Blog “flassbeck-economics” haben wir dennoch zuerst einmal nach den Originalquellen geschaut. Immer getreu nach dem Motto dieses Mediums: Erst die Analyse, dann die Meinung. Vom Bundesfinanzministerium (BMF) erfahren wir bereits nach kurzer Recherche über den so genannten Tragfähigkeitsbericht: “Um nicht nur gegenwärtige Herausforderungen, sondern auch langfristige finanzpolitische Risiken wie den demografischen Wandel eng im Blick zu haben, erstattet das BMF seit 2005 einmal pro Legislaturperiode Bericht über die Tragfähigkeit der öffentlichen Finanzen.” Geschrieben steht das in der “Zwischenaktualisierung zu Beginn der neuen Legislaturperiode” vom 25.03.2014. Dort erfahren wir auch den Untersuchungsgegenstand: “Untersuchungsgegenstand dieser Analysen ist die Frage, ob in Sozial-, Wirtschafts- und Finanzpolitik vor dem Hintergrund des demografischen Wandels politischer Handlungsbedarf besteht, um den Anstieg der Staatsverschuldung aufzuhalten beziehungsweise umzukehren.” Wer die Zwischenaktualisierung dann auch noch liest, erfährt nicht nur, in welchem Abstand die Tragfähigkeitsberichte aufgrund welcher aktueller Veränderungen angepasst werden müssen, und damit auch, dass sich das BMF sehr wohl darüber bewusst zu sein scheint, dass weit in die Zukunft reichende Schätzungen und Aussagen noch unsicherer sind, als kurzfristige Prognosen. Das BMF trägt dem mit Zwischenaktualisierungen Rechnung. Die folgende Aussage in flassbeck-economcis ist vor diesem Hintergrund schon einmal problematisch bzw. als reine Polemik zu werten (wobei ich grundsätzlich, solange eine Polemik begründet erscheint, dieses Instrument der Zuspitzung als legitim und der Entwicklung eines wissenschaftlichen Streits förderlich ansehe):

Aufrüstung der NATO im Osten: Russland eine Bedrohung?

Die NATO will mehr Soldaten und Waffen nach Osteuropa verlegen. Deren Generalsekretär, Jens Stoltenberg, sprach von einem “klaren Signal”. Die NATO werde auf jede Agression gegen jeden Verbündeten antworten, so Stoltenberg im Wortlaut. Ein klares Signal der Abschreckung. Aber gegen wen? Ist Russland tatsächlich eine Bedrohung für den Westen? Und wenn, was für eine?

Ernährung und Gesellschaft: Konzerne wollen von verbesserten Ernährungsgewohnheiten profitieren – wir halten mit einfachen Mitteln dagegen

Pizza - verkleinert - 17-01-2016

“Statt zu kochen, ernähren sich die Deutschen zunehmend von Snacks”, berichtet das Handelsblatt. Aber: “Das Internet verändert die Ernährungsgewohnheiten der Deutschen – und zwar rasant. Konzerne wie Nestlé wollen davon profitieren, selbst die Möbelkette Ikea beschäftigt sich damit – und die Bundesregierung.” Denn viele Menschen würden sich gleichzeitg bewusster ernähren, Tendenz steigend.

Steingart, von der Leyen, Journalismus: Steingart erkennt das zentrale Problem des Journalismus – ist aber selbst viel zu “nett”

Wie wahr: “Das Problem sind nicht die kritischen Journalisten, sondern die netten.” So der Herausgeber des Handelsblatts, Gabor Steingart, heute früh in seinem “Morning Briefing“, das er mit “Huren im Medienmilieu” überschrieben hat. Eine Anlehnung an den großen Balzac, der Zeitungen einmal als “Bordelle des Denkens” charakterisiert hatte? Allerdings hat Steingart, an seinen eigenen Maßstäben gemessen, selbst ein Problem, wenn er zu den Plagiatsvorwürfen gegenüber Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen schreibt:

US-Leitzins: Deutsche Medien missverstehen US-Zinsentscheidung als Mutprobe

English Summary: German journalists in some of the most established German newspapers and radio stations fundamentally misunderstand the decision of the Federal Reserve Bank not to raise the key interest rate yet. They misinterpret it as a trial of courage. Their arguments reveal serious deficits in German journalism, particularly in economic and financial journalism with far reaching consequences for Europe, too.

Diener der Vermögenden dichten Rentenklau, Kleinsparerkrise und Vermögenskonzentration in Zinsmärchen um

English Summary: The managing director of the German financial newspaper Handelsblatt, Gabor Steingart, and some other persons writing for the German newspaper Frankfurter Allgemeine Zeitung refer to a speech by former president of Deutsche Bundesbank, Axel Weber, given yesterday. They criticize the policy of low interest rates by the European Central Bank (ECB) fabling that it is responsible for the concentration of wealth, lower pensions, longer working life. The article analyses the reason and the motivation behind this fairy tale.

Konjunktur, Schweiz, Bruttoinlandsprodukt im zweiten Quartal: Wir sind nicht “überrascht”

English Summary: “Experts are surprised: The fast-paced appreciation of the CHF has not affected the Swiss economy. Recently exports even slightly grow”, writes Holger Alich in the German financial newspaper “Handelsblatt” on the figures of gross domestic product in the second quarter published today by the State Secretariat for Economic Affairs SECO. However, the development is not a surprise according to our comprehensive analysis on the Swiss economy published in three parts in January and our monthly analysis of the Swiss business cycle on the basis of the economic activity indicator developed by Claus Köhler, former member of the German Council of Economic Experts.