Zur Infratest dimap/Spiegel-Umfrage: Kein Grund zur Zufriedenheit

“Die Deutschen sind so zufrieden wie noch nie”, schreibt Spiegel online und verweist auf eine von ihm bei Infratest dimap in Auftrag gegebene Umfrage, deren Ergebnisse wohl in seiner aktuellen Druckausgabe erscheinen. Ein Grund mehr, sich den Spiegel nicht zu kaufen (lieber Wirtschaft und Gesellschaft – Analyse & Meinung abonnieren).

Fast repräsentativer erscheinen mir da die vielen Kommentare unter meinem ironisierenden Eintrag auf der facebook-Seite von Wirtschaft und Gesellschaft – Analyse & Meinung, der da lautet: “+++Eilmeldung: Wirtschaft und Gesellschaft kann Betrieb einstellen: 80 Prozent der Deutschen sind zufrieden mit Zustand des Landes”. Deren Tenor: Die Umfrage sei nicht ernst zu nehmen. Einer der schönsten Kommentare: “Ähm, es müsste heißen, Umfrage: 80 Prozent der an der Umfrage teilnehmenden Deutschen sind zufrieden mit Zustand des Landes. Anrufer: Dürfen wir ihnen ein paar Fragen stellen? Unzufriedener Deutscher: Nö! Zufriedener Deutscher: ja gerne”.

Lächerlich auch die hohlen Aussagen des Chefs von Infratest dimap dazu: “Das passiert ziemlich selten´, sagte Infratest-dimap-Chef Richard Hilmer. Und dass eine Regierung noch vier Monate nach Amtsantritt so beliebt sei wie zu Beginn, ´gab es noch nie, seitdem wir messen´, so Hilmer”, zitiert ihn Spiegel online.

Köstlich, wenn es nicht so zynisch wäre, auch dieses Ergebnis: “Mit Verweis auf andere europäische Länder in der Fragestellung liegt der Gesamtwert sogar bei 90 Prozent Zufriedenen.” Welch Wunder, bei steigenden Selbstmordraten, Arbeitslosenquoten wie im Deutschen Reich der 1930er Jahre und bitterster Not, die dort die Bevölkerungsmehrheit nicht zuletzt aufgrund der deutschen Rezeptur des “Gürtel enger schnallens” durchleidet. Wenn jenem Elend auch kaum Raum in den einschlägigen deutschen Medien gegeben wird. Umso mehr wird in denselben Medien den deutschen Lesern schließlich eingehämmert, wie prima es doch Deutschland geht.

Und wenn ein anderes Ergebnis wie folgt lautet: “Zugleich wünscht sich eine Mehrheit der Befragten (über 60 Prozent) eine Politik, die sich darauf konzentriert ´mehr Vorsorge für die kommende Generation´ zu treffen. 22 Prozent dagegen wünschen sich eine Politik, die ´mehr Zufriedenheit der Menschen in der Gegenwart anstrebt´.” Dann zeigt dies, wie erfolgreich Politik und Medien und leider auch die herrschende “Wissenschaft” der Bevölkerung den Kopf gewaschen haben. Deren zentrale Botschaften lauten spätestens seit dem Amtsantritt Schröders 1998 bis heute durchgängig, dass wir uns unsere sozialen Sicherungssysteme nicht länger leisten könnten, die Löhne zu hoch seien und die Wettbewerbsfähigkeit gefährdeten, die jetzt lebenden Generationen auf Kosten der kommenden leben würden. All das ist, was den Inhalt der Botschaften anbelangt, primitivster Tobak und ein geistiges Armutszeugnis der selbst ernannten und gewählten “Eliten”, was jedoch die politische und mediale Wucht anbelangt, höchst professionell und mit riesigen Finanzmitteln finanziert. Man denke nur an die Bertelsmann-Stiftung und die Initiative Neue soziale Marktwirtschaft, aber auch an die einschlägigen Medien von der “Bild” bis zum “Deutschlandfunk”, deren redaktionelle Mehrheit diesem Tobak entweder aus Dummheit aufgesessen ist oder als Besserverdienende jene Standpunkte aus Eigeninteresse vertreten. Längst haben weiteste Kreise der Politik das selbständige Denken und das begründete Interesse am Allgemeinwohl und sozialem Ausgleich aufgegeben und sich, aus Überzeugung oder um ihre eigene politische Karriere nicht zu gefährden, zu Handlangern einzelwirtschaftlicher Interessen finanzstarker und entsprechend einflussreicher Unternehmen und Verbände gemacht und die Menschen in Deutschland mit Ausnahme weniger, von den entsprechenden Gesetzgebungen profitierender Menschen, zu einer falschen Bescheidenheit erzogen. Nichts kann diese falsche Bescheidenheit vielleicht besser veranschaulichen, als die Entwicklung der Wirtschaftsleistung auf der einen Seite und der Entwicklung des durchschnittlichen Reallohns je Beschäftigten auf der anderen Seite.

Zur Vergrößerung auf Graphik klicken.

Während der Arbeitnehmer schon im Durchschnitt seit dem Amtsantritt Schröders quasi nichts dazugewonnen hat, ist die mit seiner Hände Arbeit gestiegene Wirtschaftsleistung vergleichsweise stark gestiegen. Wohlstand für wenige hätte die Agenda 2010 auch heißen können. Aber da wäre die eine oder der andere ja vielleicht doch aufgewacht. Dabei gilt es zu berücksichtigen, dass viele, sehr viele, noch weit schlechter abschneiden als es die rote Linie in der Graphik wiedergibt, wie diejenigen, die mit gesetzlich dafür vorgesehenen Sanktionen dazu gezwungen werden, zu niedrigsten, nicht existenzsichernden Löhnen zu arbeiten. Beleg dafür: Sie müssen trotz Vollzeitarbeit Hartz IV beantragen. Claus Köhler, ehemaliges Mitglied des Sachverständigenrats zu einer Zeit, als dieser sich noch um realistische Einschätzungen der wirtschaftlichen Lage hervortat, wies erst jüngst in einem Leserbrief an Wirtschaft und Gesellschaft – Analyse und Meinung darauf hin: “Wenn Unternehmen Löhne zahlen, von denen Arbeitnehmer nicht leben können, sind sie eigentlich insolvent. Sie existenzieren nur deshalb weiter, weil die Arbeitnehmer Gelder (Steuergelder) aus Nürnberg erhalten.” Dass die Steuerzahler aber insolvente Unternehmen am Leben erhalten müssten, sei unmöglich, so Köhler. Wo sind entsprechende Stimmen von Ökonomen, die heute die Politik beraten? Nirgends! Selbst so genannte gewerkschaftsnahe Ökonomen finden lobende Worte für einen nicht existenzsichernden Mindestlohn, der an dem von Köhler kritisierten Zustand nichts ändert, weil er nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit auch weiterhin Millionen Menschen trotz Erwerbstätigkeit von Hartz IV abhängig macht.

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