Etwas ganz und gar nicht Alltägliches aus dem Regierungsviertel: Händeringend gesucht – Ein Ringerlied

Berlin. “Komponieren Sie doch bitte bis morgen ein Ringerlied für uns.” Mit den gleichen fragenden Augen, mit denen Sie, liebe Leserinnen und Leser, diese einleitenden Worte lesen, saß ich auch vor der E-Mail, mit der mich jene Aufforderung am Samstag Abend erreichte. Auf vorsichtige Nachfrage erfuhr ich vom Absender, dass just am selben Tag in Berlin-Tegel ein internationales Ringerturnier stattfand, der Pfingst-Cup. Postwendend erhielt ich auch noch eine kurze Einführung zu “einer der ältesten Kampfsportarten der Welt”, die “seit der Antike olympisch ist.”

“Zehn Ringerfreunde”, so der Erfinder des folgenden Ereignisses, “kommen morgen früh nach Berlin Mitte. Ich möchte sie zum Frühstück in die Böse Buben Bar einladen und mit einem Ringerlied überraschen, das wir zusammen vor dem Brandenburger Tor singen.” Ich las vorsichtshalber erst einmal etwas weiter in der “Philosophie des Ringens”, die mir mein Auftraggeber zugesandt hatte:

“Unter ganzem Körpereinsatz gilt es, den Gegner ohne weitere Hilfsmittel zu bezwingen. Dabei spielt Kraft eine geringere Rolle als Technik, Ausdauer, Koordination und Schnelligkeit. Jeder Kampf erfolgt nach strengen Regeln unter der Beobachtung eines Kampfrichters: Schlagen und Schauspielern ist verboten. Aufgrund dieser Merkmale erfreut sicher der Ringkampf auch unter den Mädchen und jungen Frauen immer größerer Beliebtheit.

Neben der körperlichen Herausforderung steht die persönliche Entwicklung eines jeden Ringers im Vordergrund. Im Training und Wettkämpfen sollen die Sportler ihre eigenen Grenzen kennen lernen und fair und sportlich mit ihren Mitstreitern umgehen. Sie sollen lernen, mit Stress und den Erwartungen andere Umzugehen, eigenständig an sich zu arbeiten und ihre Fähigkeiten zu verbessern. In Einzel- und Mannschaftswettkämpfen können sie beweisen, dass sie nicht nur als Einzelkämpfer, sondern auch als Team agieren können und in ihm Verantwortung übernehmen.”

Das klang sympathisch, und obendrein, scheint das Ringen ja die Fantasie anzuregen, dachte ich; wo sonst hätte diese fixe Idee entstehen können, als im Kopf eines Ringers. Und solch einer war mein Auftraggeber höchst selbst.

So nahm ich mir denn meine Gitarre, griff in die Seiten und begann drauf los zu dichten. Schnell hatte ich drei Strophen aus mir herausgerungen. In vielleicht einer Stunde stand mein Ringerlied. Wie lange wohl ein Ringkampf dauert, fragte ich mich? Nur wenige Minuten erfuhr ich am nächsten Morgen beim Frühstück. Doch da waren wir ja noch nicht. Erst einmal das Lied schnell aufgenommen und dem Auftraggeber zugeschickt. Der war begeistert. Nun, dachte ich, wir wollen den Abend ja nicht vor dem Tag loben: Würden die Ringer auch mit machen? Ringen und Singen, geht das zusammen?

Früh begab ich mich zur Ruh, um am Morgen bei Kräften zu sein. Wer weiß, wie die Ringer auf mein Lied reagieren würden. Vorsichtshalber nahm ich am Morgen schon zu Hause ein stärkendes Müsli ein, warf dann meine Gitarre auf den Rücken und begab mich hinunter auf die Straße. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite sah ich, nachdem ich nur wenige Schritte unternommen hatte, einen Bus einparken. Sofort erkannte ich: das sind sie, die Ringer. Orangefarbene Trainingsanzüge, die Böse Buben Bar, in die der Gastgeber zum Frühstück geladen hatte, nur wenige Schritte entfernt und der Blick auf das Nummernschild – FD – genügten mir als Beweise.

Ich rief dem Mann, der gerade aus dem Bus gesprungen war, um den Fahrer in die Parklücke zu lotsen, mit bestimmten Ton zu: “Da dürfen Sie nicht parken!” Wollen doch mal sehen, ob Ringer auch Humor haben, dachte ich mir. Unmittelbar vor mir erschallte ein Lachen. Das musste der Gastgeber sein, dachte ich mir. Da lachte es auch von der anderen Straßenseite her herüber. Nun gut, ich war ja auch unschwer zu erkennen, mit meiner Gitarre auf dem Rücken.

Wenige Minuten später drängten wir uns um einen Tisch in der Böse Buben Bar. Die Ringer waren noch etwas müde; kaum ein Auge hätten sie zugetan, so der Trainer Hasan zu mir. Genächtigt hatten sie in der Sporthalle. Trotz dieser widrigen Umstände beantworteten mir die Ringer all meine neugierigen Fragen zu ihrem Sport. Doch so interessant die Antworten auch ausfielen, so sollen sie hier doch nicht Thema sein. Behutsam bereitete mein Auftrag- und jetzt auch Gastgeber die Ringer auf das herannahende Ereignis vor. Ein Lied, ein Ringerlied hätte ich geschrieben. Extra für ihren Besuch. Doch nein, ergänzte er, überall solle es fortan gespielt werden, vor jedem Ringkampf allemal. Ich erkannte, dass es ihm gelungen war, eine gewisse Neugierde bei den Beteiligten zu wecken und diese gleich mit. So entschloss ich mich dann, nach einigen einleitenden Worten, es ihnen anzuspielen. Die Offenheit war groß, und so eilte unser Gastgeber rasch zum Tresen und kehrte mit einem Kneipenblock zurück, auf dem üblicherweise die Bestellungen notiert werden. Jetzt aber notierte sich jeder den Refrain auf einen Zettel. Sobald die Mägen gefüllt waren, machten wir uns auf Richtung Brandenburger Tor. Es liegt nur zehn Minuten fußläufig von der Böse Buben Bar. Als wir die französische Botschaft passierten, raunte ich der davor wachenden Polizistin zu: “Vorsicht, die hinter mir, das sind alles Ringer.” Sie lächelte daraufhin bezaubernd und schmunzelte zu den Ringern hinüber. So stelle ich mir eine Freundin und Helferin vor.

Und schon standen wir vor dem Brandenburger Tor. Jetzt nur nicht wanken dachte ich mir und sprach flugs eine Passantin an, ob sie uns kurz filmen könnte. Sie war genau die Richtige, wie sich herausstellen sollte. Ganz formidabel hat sie uns mit meiner kleinen, altersschwachen Digitalkamera eingefangen, hinter uns das Brandenburger Tor. Der erste Versuch schlug fehl – mir war ein Satz einer Strophe entfallen. Zum Glück hatte sich diesen einer der Trainer gemerkt und soufflierte mir. Gleich der zweite Versuch war ein Erfolg – ohne zu Proben. Doch überzeugen Sie sich bitte selbst, liebe Leserinnen und Leser und jetzt auch Zuschauerinnen und Zuschauer und Hörerinnen und Hörer:

Musik und Text: Thorsten Hild

Performance: Ringer Sport Club Fulda & Thorsten Hild

Na, was sagen Sie? Ich bin immer noch begeistert von diesem Chor. Dass der Junge rechts im Video, vor dem Trainer Hasan stehend, immer zum Boden schaut, liegt übrigens einzig und allein daran, dass meine zauberhafte Labrador-Hündin Queeny ihm zu Füßen liegt. Hier ist wohl einmal ein vierbeiniges Maskottchen für den RSC Fulda fällig. Vielleicht kann das ortsansässige Tierheim weiterhelfen. Eine Tierpatenschaft mit dem RSC Fulda. Das wäre doch etwas besonderes.

Auf dem Rückweg zum Bus passierten wir erneut die französische Botschaft. Diesmal wachte ein breitschultriger, finster drein schauender Polizist davor. “Passen Sie bloß auf”, raunte ich auch ihm zu, “das hinter mir sind alles Ringer.” Und war es denn zu glauben, auch dieser ein humorvoller Freund und Helfer. Berlin ick steh uff Dir. Und das Ende und die Moral von der Geschicht: Vergiss beim Ringen zu singen nicht. Und so sangen sie auch noch den ganzen Rückweg nach Fulda: “Ringen? Wer kennt das schon? Ich sag: Ringen, das ist meine Passion. Ringen, ist´s wofür sich´s zu leben lohnt!

Erscheint auch auf www.fuldainfo.de.


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