Alltag im Regierungsviertel: Hilfe, sie wissen nicht, wie sie uns regieren sollen!

Wie jeden Tag spaziere ich arglos durch das Regierungsviertel; mein Hund braucht schließlich frische Luft. Heute springt mir dabei am Reichstagufer vor dem Pressehaus der Bundesregierung dieses Plakat ins Auge. Ich reibe mir die Augen, aber auch beim zweiten Hinsehen muss ich feststellen, ich habe richtig gelesen.

Da gibt die Bundesregierung doch tatsächlich ganz offen zu, dass sie nicht weiß, wie sie uns regieren soll. Fast verzweifelt prangen mir ihre Fragen entgegen: Wie wollen wir zusammenleben? Wovon wollen wir leben? Wie wollen wir lernen? – Wer aber ist wir? Sind das noch die Nachbeben des “Wir sind Deutschland” und “Wir sind Papst”? Aber die Bundesregierung ist clever: Sie kaschiert ihre Unwissenheit und verkauft sie uns als “Zukunftsdialog”. Was aber ist mit der Gegenwart, werden sich verzweifelte Niedriglöhner, Leiharbeiter, Hartz-IV-Empfänger und arme Rentner zu Recht fragen, oder etwa nicht? Und was hat die Bundesregierung denn bloß seit 2009 gemacht, und was macht sie jetzt, wo sie uns doch selbst zu erkennen gibt, dass sie gar nicht weiß, was sie tun soll? Neuwahlen, kommt mir spontan in den Sinn. Aber sogleich muss ich an das Projekt “Deutschland 2020 – Vollbeschäftigung, Fortschritt, Lebensqualität im neuen Jahrzehnt” der größten Oppositionspartei denken (das ist, rein formal betrachtet, die SPD); auch mit ihr würden die durchaus vielversprechenden Ziele demnach erst bis 2020 verwirklicht; und es ist ein “Arbeitsprogramm”. Auch die SPD weiß also nicht wohin in der Gegenwart; und die Ergebnisse aus ihrer Vergangenheit in Regierungsverantwortung von 1998 bis 2009 lassen einen allein schon misstrauisch werden, oder etwa nicht? Also doch einfach besser alles so laufen lassen. Vielleicht kommt ja noch eine Partei drauf, wie sich die Probleme der Gegenwart im Hier und Jetzt lösen lassen. Wie heißt es so schön im Volksmund: Was Du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen.

Warum bloß entscheidet sich mein Hund in diesem Moment, seine Notdurft direkt vor dem Plakat zu verrichten; gibt es vielleicht so etwas wie einen politischen Hund? Kann es sein, dass das Sein des Hundes – er lebt seit Jahren im Regierungsviertel – dessen Bewusstsein bestimmt? Jetzt weiß auch ich nicht mehr weiter. Ich bin Volkswirt und nicht Biologe. Aber ich regiere ja schließlich auch nicht.


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