Rezension: Solidarische Bildung

::Buchtipp::


Das Thema Bildung hält sich seit Jahren als ein zentraler politischer und sozialer Krisenherd in Deutschland. Alle Parteien räumen der Bildungspolitik einen zentralen Stellenwert ein – zumindest in Wort und Schrift. Passiert ist indessen, trotz alarmierender Signale, in den vergangenen Jahren wenig bis gar nichts. Eindrucksvoller als alle PISA-Studien zusammen empfinde ich immer noch den Sachverhalt, das in Deutschland, einem der reichsten Industrieländer der Welt, Jahr für Jahr 60.000 Schüler ohne Schulabschluss ins Leben entlassen werden.

Pünktlich zur Buchmesse in Leipzig ist unter dem Titel “Solidarische Bildung – Crossover: Experimente selbstorganisierter Wissensproduktion” ein neues Buch zum Thema Bildung erschienen. Herausgeber ist das Institut Solidarische Moderne.

Der Inhalt des Buches kommt zum Glück weniger sperrig daher als der Titel. Mich zumindest, obwohl ein großer Liebhaber der englischen Sprache, schrecken englische Begriffe in deutschen Publikationen immer erst einmal ab. Ist es nicht auch ein bildungspolitischer Anspruch, angemessene Wörter in deutscher Sprache zu finden, die der gewünschten Botschaft Ausdruck verleihen? Ich meine ja. Modernität erschließt sich mir jedenfalls nicht über englischsprachige Einsprengsel. Damit verbunden ist nicht zuletzt auch die Frage bzw. der Anspruch, inwieweit die Sprache dazu beiträgt, einen möglichst breiten Leserkreis an die zu vermittelnden Inhalte heranzuführen.

Klar formuliert aber ist die Stoßrichtung des Buches: “Das bestehende Bildungssystem erhebt zwar den Anspruch demokratischer Bildung – tatsächlich besteht seine Funktion jedoch in der Herstellung und Aufrechterhaltung sozialer Ungleichheiten.” Dem setzen die Autoren die Forderung nach einer “Solidarischen Bildung” entgegen und wollen damit eine Alternative “gegen den neoliberalen Mainstream in Theorie und Praxis” entwickeln und aufzeigen.

Hierzu holen die Beteiligten weit aus. Den Auftakt macht Wolfgang Nitsch mit einer Erinnerung an die Geschichte der “Hochschule in der Demokratie 1961-67″. Nitsch öffnet dem Leser die Augen, wie weit die bildungspolitische Diskussion und auch Praxis in Deutschland schon einmal war. Dies machen die “Kernthemen und Ziele der damaligen hochschulpolitischen Programmatik und Praxis” deutlich, die Nitsch in acht Thesen zusammenfasst. Von einer sozialstaatlichen Vorsorge und Rahmensteuerung ist da beispielsweise die Rede “einschließlich eines freien und expansiven Hochschulzugangs mittels kostendeckender Studienfinanzierung ohne inhaltliche Auflagen.” Wie leichtfertig die ersten, mühsam errungenen Demokratisierungs- und Öffnungsschritte hin zu mehr sozialer Durchlässigkeit aufgegeben und zugunsten einer nun bereits seit längerem zu beobachtenden Ökonomisierung des Bildungssystems aufgegeben wurden, zeigt dieser Passus aus Nitschs Text auf: “Wenn auch die Erfolge der internationalen Protest- und Reformbewegungen im Bildungsbereich in den 1960er Jahren bekanntlich zeitlich und örtlich sehr begrenzt waren, so lohnt es sich doch, die Testfrage zu stellen: Wie hätte sich die Hochschullandschaft insbesondere in Deutschland und Österreich entwickelt, wenn es den konservativen und wirtschaftlichen Machteliten gelungen wäre, ihre schon Ende der 1950er Jahre formulierten Programme durchzusetzen? Dazu gehörten die Kanalisierung der aus den unteren Mittel- und Unterschichten aufsteigenden neuen Studierenden in einen Kranz von Fachschulen, Fachhochschulen und Pädagogischen Hochschulen, die Beschränkung der Zulassung zu den Universitäten als Elite-Institutionen und die Verkürzung und starre Begrenzung der Studienzeiten durch Androhung von Zwangsexmatrikulationen. Geplant waren ferner die Beschränkung der Studienfinanzierung auf Darlehen und Leistungsstipendien für Hochbegabte…” Nitsch ist ein wirklich erkenntnisreicher Ausflug in die Hochschulgeschichte der alten Bundesrepublik gelungen, der den Leser unter anderem verdeutlicht, was möglich war und ist – und was stattdessen an Beschränkungen wider besseren Wissens bis heute politisch durchgesetzt wurde.

Das Buch Solidarische Bildung ist im Rahmen einer so genannten Summer Factory – auch hier wirkt der Anglizismus wieder künstlich aufgesetzt und wenig einladend – entstanden. Das ist ein wie mir scheint ganz eigenes, neues System der Erkenntnisgewinnung, das sehr viel Wert auf Offenheit und Teilnahme jedes Einzelnen legt. Das Institut Solidarische Moderne nennt es “eine Methode der kollektiven Wissensproduktion” und widmet ihr ein eigenes Kapitel. Vielleicht bietet diese Methode eine Chance, noch offenere, aber unter ihrer fehlenden Struktur dann vielleicht auch zur Wirkungslosigkeit neigende Systeme, wie die der Occupy-Bewegung, und Systeme mit festeren Zügeln, die ihrerseits eine mangelnde Teilhabe mit sich bringen, zusammenzuführen. Möglicherweise ist dies ein Stoff für eine zukünftige Sommerwerkstatt, um einmal einen möglichen, alternativen Namen für diese vielversprechende Veranstaltungsform der Summer Factory ins Spiel zu bringen.

In dieser Sommerwerkstatt diskutierten über 300 Teilnehmer in 18 Workshops die aktuelle bildungspolitische Situation. Die Diskussion führte über verschiedene Wege, die in ihrer Organisationsform in dem Buch erläutert werden, von einer problemorientierten Bestandsaufnahme hin zu bildungspolitischen Perspektiven. Die Inhalte der Workshops – warum nicht Arbeitsgruppen? – bilden den Hauptteil des Textes und decken ein breites Themenspektrum ab. Es reicht von Bildung, Demokratie und Freiheit, über regionale Bildungspolitik, kulturelle und ästhetische Fragen, Transparenz in Forschung und Lehre bis hin zur Beruflichen Aus- und Weiterbildung, Politischer Bildung, Geschlechtergerechtigkeit und Migration sowie einer gerechten Studienfinanzierung.

Dadurch, dass das Buch die Workshops nachbildet, ermöglicht es dem Leser gleichsam in den “Produktionsprozess” der Summer Factory einzusteigen. Ein eigenes Kapitel mit einer Fotodokumentation der Summer Factory veranschaulicht das Konzept des Instituts, das darin als ein “gemeinsamer und partizipativer Produktionsprozess” beschrieben wird.

In der Einleitung heißt es: “Das vorliegende Buch versteht sich als Reaktion auf eine Situation, in der neue Fragen entstehen und nach neuen Antworten verlangt wird.” Die aufgeworfenen Fragen und Antworten in “Solidarische Bildung” sind ein Erkenntnisgewinn, der die bildungspolitische Debatte in Deutschland befeuern sollte; der Weg dorthin, das eigene Konzept zur Entwicklung und Bearbeitung von Fragestellungen, lässt mit Spannung auf weitere Erschließungen von gesellschaftspolitisch relevanten Themen vorausblicken.


Johannes Angermüller/Sonja Buckel/Margit Rodrian-Pfennig (Redaktion), Institut Solidarische Moderne (Herausgeber), Solidarische Bildung, Crossover: Experimente selbstorganisierter Wissensproduktion, VSA-Verlag, Hamburg, 2012

 

 

 

 

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