Wirtschaftsentwicklung 2012: Deutschland ist noch abhängiger vom Außenhandel geworden – und stößt an seine Grenzen

Eine Graphik, die das Statistische Bundesamt heute im Rahmen seiner Pressekonferenz zum Bruttoinlandsprodukt 2012 veröffentlichte, genügt vielleicht schon, um den zerstörerischen und am Ende wohl auch selbstzerstörerischen Wahnsinn der deutschen Wirtschaftsentwicklung zu offenbaren. Richtig deutlich aber wird dieser Wahnsinn vielleicht erst, wenn man dieselbe Graphik aus dem Jahr davor hinzuzieht und sie schließlich noch mit der Situation vor der großen Krise vergleicht. Es lebe die Standardisierung in der Veröffentlichungspraxis des Statistischen Bundesamtes. Hier der Wahnsinn in vier Balken:

Wachstumsbeiträge in Prozentpunkten zum Bruttoinlandsprodukt 2012 (Zur Vergrößerung auf Graphik klicken.)

 

Wachstumsbeiträge in Prozentpunkten zum BIP 2011 (Zur Vergrößerung auf Graphik klicken.)

Ja, Sie haben richtig gesehen. Der Wachstumsbeitrag des Außenhandelüberschusses ist 2012 gegenüber Vorjahr gestiegen. Die Inländische Verwendung ist gegenüber 2011 geradezu eingebrochen und negativ geworden. Der Wachstumsbeitrag der Konsumausgaben ist gesunken. Auch die Investitionen sind eingebrochen und haben das Wirtschaftswachstum geschmälert.

Was will uns also der Präsident des Statistischen Bundesamtes, Roderich Egeler, damit sagen, wenn er die Pressemitteilung zu den heute veröffentlichten Daten mit folgendem Tenor überschreiben lässt:

“Deut­sche Wirt­schaft trotzt 2012 euro­päischer Wirt­schafts­krise”?

Hat das vielleicht etwas mit seinem Parteibuch (CDU) zu tun? Klingt fast nach Wahlkampfhilfe. Egeler wörtlich: “Im Jahr 2012 erwies sich die deutsche Wirtschaft dagegen in einem schwierigen wirtschaftlichen Umfeld als widerstandsfähig und trotzte der europäischen Rezession.

Wenn Deutschland der europäischen Rezession “getrotzt” hätte, hätte doch wohl der Wachstumsbeitrag der Inländischen Verwendung zumindest positiv ausfallen müssen. Und so verhält es sich auch ganz anders, als Regeler glauben machen möchte: Weil andere Regionen der Weltwirtschaft – allen voran die USA und Asien – der Rezession versuchen nach Kräften zu trotzen, indem sie ihre Binnenwirtschaften  ankurbeln, hat Deutschland trotz europäischer Rezession kräftig exportieren können und so zumindest den Außenbeitrag als Wachstumsquelle erhalten können.

Und das hält das Statistische Bundesamt in seiner Pressemitteilung ja selbst fest und widerspricht damit der eigenen Überschrift, wenn es schreibt:

“Auf der Verwendungsseite des Bruttoinlandsprodukts erwies sich der Außenhandel angesichts eines schwierigen außenwirtschaftlichen Umfelds als sehr robust: Deutschland exportierte im Jahr 2012 preisbereinigt insgesamt 4,1 % mehr Waren und Dienstleistungen als ein Jahr zuvor. Gleichzeitig stiegen die Importe lediglich um 2,3 %. Die Differenz zwischen Exporten und Importen – der Außenbeitrag – steuerte 1,1 Prozentpunkte zum BIP-Wachstum 2012 bei und war damit einmal mehr wichtigster Wachstumsmotor der deutschen Wirtschaft.”

Dass es andere sind, die 2012 versuchten der Wirtschaftskrise zu trotzen, zeigt auch ein vergleichender Blick auf die Wachstumsbeiträge der Inländischen Verwendung und des Außenbeitrags in den USA und Japan.

Wachstumsbeitrag der Inländischen Verwendung in Prozentpunkten zum Bruttoinlandsprodukt, Deutschland, Eurozone, USA, Japan (Zur Vergrößerung auf Graphik klicken.)

Wachstumsbeitrag des Außenbeitrags in Prozentpunkten zum Bruttoinlandsprodukt, Deutschland, Eurozone, USA, Japan (Zur Vergrößerung auf Graphik klicken.)

Und so müsste es dann auch richtig heißen: Nach der Krise (bzw. stecken wir ja nicht zu letzt wegen jenes Ungleichgewichtes immer noch tief drin) ist vor der Krise. Hier die Abbildung aus der entsprechenden Veröffentlichung des Statistischen Bundesamtes für das Jahr 2007:

Wachstumsbeiträge in Prozentpunkten zum BIP 2007 (Zur Vergrößerung auf Graphik klicken.)

Eines ist allerdings über das bisher Gesagte hinaus auffallend: 2007 betrug das Wachstum noch 2,5 Prozent, bei einem zwar ähnlich hohen Wachstumsbeitrag des Außenhandels wie 2012; allerdings fiel 2007 auch noch die Inländische Verwendung deutlich positiver aus. 2011, bei einem wiederum hohen Wachstumsbeitrag der Inländischen Verwendung betrug das Wirtschaftswachstum 3 Prozent; der Wachstumsbeitrag des Außenhandels ist in diesem Jahr niedriger ausgefallen; 2012 war der Wachstumsbeitrag der Inländischen Verwendung negativ, der des Außenbeitrags wieder fast auf der Höhe von 2007, also auf Vorkrisenniveau; das Wirtschaftswachstum aber fiel mit 0,7 Prozent nur noch verschwindend gering aus. Könnte es vielleicht sein, dass hier die Zusammensetzung des Bruttoinlandsproduktes und die ausgehende Puste im Rest Europas dem Ehrgeiz des Exportweltmeisters einen Strich durch die Rechnung machen, oder, um in den Worten Regelers zu bleiben, diesem Wahnsinn trotzen? Hier abschließend die Verwendung des Bruttoinlandsprodukts, die das Statistische Bundesamt heute in derselben Veröffentlichung ebenfalls präsentierte:

Verwendung des deutschen Bruttoinlandsprodukts 2012 in jeweiligen Preisen (Zur Vergrößerung auf Graphik klicken.)

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