Ukraine/Russland/Der Spiegel/Die Welt: Über die Verhöhnung des Begriffs Aufklärung und journalistische Kettenhunde

Heute früh meinte ich meinen Augen nicht zu trauen: Ausgerechnet “Spiegel online” meint zum Ukraine-Konflikt: “Aufklärung ist die beste Waffe”. Ist es etwa nicht der “Spiegel” der sich seit Monaten mit der “Welt” eine Art mediales Wettrüsten gegen Russland im Rahmen der Berichterstattung über den Ukraine-Konflikt liefert? Wenn man den Text des “Spiegel” liest, merkt man allerdings sehr schnell, was der “Spiegel” unter Aufklärung als Waffe tatsächlich versteht.

Allein dieser Satz im Text hat schwerlich das Prädikat Aufklärung verdient:

“Putins zynischer Machtpolitik – an der nicht einmal der Abschuss eines Passagierjets etwas ändern konnte – sollten Amerika und Europa vielmehr mit massiver Aufklärung begegnen.”

Damit wird eine weiteres Mal suggeriert, dass es erwiesen sei, dass Russland bzw. die Separatisten für den Absturz der Passagiermaschine verantwortlich zeichnen. Was doch aber jede Leserin und jeden Leser nun schon seit Wochen verunsichert, ist, dass bis heute noch keine Auswertung des Flugschreibers vorliegt, noch irgendwelche glaubwürdigen Aufklärungsbilder durch NATO-Satelliten zum Beispiel. Der Flugschreiber aber liegt nicht in Moskau, sondern beim “Westen”. Und hat “der Westen” nach der Flugzeugkatastrophe irgendetwas an seiner Politik geändert? Diese Frage wäre doch auch zu thematisieren. Nicht für einen Spiegel online Redakteur natürlich.

Der Autor des Textes, Sebastian Fischer, kommentiert wahrscheinlich nicht zufällig aus Washington über die Ukraine. Und was er im Anschluss an den oben zitierten Satz schreibt, schlägt dem Fass den Boden aus:

“Westliche Dienste verfügen über Satellitenbilder, die russische Truppen zeigen? Raus damit, alles veröffentlichen, Fotos, Daten. Die Fakten auf den Tisch! Der Klügere klärt auf. So wie das die Nato am Donnerstag mit einigen Satellitenbildern gemacht hat. Aufklärung ist die beste Waffe des Westens gegen russisches Täuschen und Tarnen.”

Hätte Fischer, wenn er auch nur den Anschein des Journalismus hätte bewahren wollen, nicht wenigstens fragen müssen, warum denn solche Beweisstücke noch nicht vorliegen? Und hätte er nicht auf den von ihm verlinkten Text erkennen müssen, dass die von der NATO präsentierten Satellitenbilder, gar nicht die der NATO sind, sondern die von “Digital Globe“, einem privaten Unternehmen, das auch Auftragnehmer der amerikanischen Regierung ist? Das heißt nicht, dass die Bilder gefälscht sein müssen, aber es sind eben keine Aufnahmen der NATO, die es mit Aufklärung bislang genauso hält wie Sebastian Fischer vom Spiegel: Einseitige Parteinahme gegen Russland und in diese Richtung wirkende Behauptungen, die dazu geeignet sind, die Lage zu eskalieren, nicht aber über die Lage aufzuklären. Was sind das nur für Charaktere, die so schreiben und handeln? Und was sind das für Institutionen, für Medien, die solchen Leuten eine Bühne bieten?

Das muss man sich auch ein weiteres Mal bei der “Welt” fragen, die gestern einen “Chefkommentator” namens Jacques Schuster von der Kette ließ (siehe kurze Bewertung auch hier).

“Nun wird es Zeit für eine starke Antwort. Die kann nur die Nato geben.”

So Jacques Schuster, der nach eigenen Angaben auch schon Redenschreiber und politischer Berater des Banken-Skandal-und Spenden-Affären-Bürgermeisters von Berlin, Eberhard Diepgen, war. Ich empfehle es, auch diesen Text zu lesen. Man muss diese Texte archivieren. Für unsere Kinder und Enkelkinder. Damit sie in 100 Jahren wissen, wie auch im Jahr 2014 Krieg propagiert wurde.

Dass die Kritik an diesem Schund-Journalismus keinem Freispruch für die Politik Putins gleichkommt, sei hier noch einmal extra betont. Nur: Frieden beginnt damit, die eigene Rolle in Konflikten kritisch zu hinterfragen und sich in die Rolle des anderen hineinzuversetzen. Vor allem aber beginnt der Frieden in Zeiten wie diesen damit, über billige Propaganda aufzuklären.

Hintergrund zum Ukraine-Konflikt hier und hier.

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