Aktuelle Nachrichten und Hintergrund auf Wirtschaft und Gesellschaft: Welthandelsorganisation korrigiert Prognose für Welthandelswachstum nach unten (mit Schlussfolgerungen von Gustav Horn und Dierk Hirschel)

Jetzt ist auch die Welthandelsorganisation (WTO) skeptisch hinsichtlich der Entwicklungsaussichten für den Welthandel geworden. Dessen Wachstum habe sich im zweiten Quartal auf ein “Schneckentempo” verlangsamt (“slowed to a crawl”), so die WTO in einer Pressemitteilung, die sie heute herausgab.

Hatte die WTO im April noch ein Wachstum des Welthandels für 2012 von 3,7 Prozent vorhergesagt, reduzierte sie dieses jetzt auf 2,5 Prozent.

Entwicklung des Welthandelsvolumens 2005 bis 2013 (Prognose der WTO) (Zur Vergrößerung auf Graphik klicken.)

Interessant ist, dass auch die WTO – wie die deutsche Bundesregierung – die Leistungs- und Handelsbilanzungleichgewichte in der Eurozone nicht adressiert, sondern die Eurokrise in eine Staatsschuldenkrise ummünzt: Die Staatsschuldenkrise sei noch nicht abgeflaut, so die WTO, was die “Anpassung der Staatshaushalte” (ein beschönigender Ausdruck für die drakonischen Ausgabenkürzungen) in den Krisenländern im Süden Europas noch “schmerzhafter” mache (“More importantly, the European sovereign debt crisis has not abated, making fiscal adjustment in the peripheral euro area economies more painful and stoking volatility.”). Hier verwechselt die WTO Ursache und Wirkung: Denn es ist offensichtlich, dass es die Ausgabenkürzungen sind, die über sinkendes Wirtschaftswachstum und sinkende Steuereinnahmen dem erwünschten Ausgleich der Staatshaushalte ständig aufs Neue einen Strich durch die Rechnung machen; noch grundlegender wirkt einer wirtschaftlichen Erholung das fortbestehende Problem einer über die Jahre weit auseinandergelaufenen Wettbewerbsfähigkeit innerhalb der Eurozone entgegen, das sich in hohen Leistungsbilanzüberschüssen vor allem in Deutschland und hohen Leistungsbilanzdefiziten in den Krisenländern niederschlägt.

Daraus lässt sich wiederum schließen, dass die WTO jene Ausgabenkürzungen nicht als kontraproduktiv begreift, sondern diese, wenn sie sie auch als “schmerzhaft” ansieht, so doch für unvermeidlich hält. Hier erweist sich die WTO als genauso ideologisch verbohrt und uneinsichtig wie die Bundesregierung.

Der Wissenschaftliche Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung, Gustav Horn, äußerte sich gegenüber Wirtschaft und Gesellschaft mit folgender Ursachen- und Wirkungsanalyse:

“Schätzungen des Welthandels sind notorisch unsicher, aber die Tendenz ist klar: es geht nach unten. Damit zeigen sich nunmehr die verheerenden Auswirkungen der Austeritätspolitik. Sie belastet nicht mehr nur die Krisenländer und den Euroraum als Ganzes; sie strahlt mittlerweile auch auf den Rest der Welt aus.”

“Nur wenn dieser Kurs gestreckt wird”, so Horn, “besteht die Chance einer Erholung und damit einer nachhaltigen Konsolidierung in den Krisenländern.”

Der Chefökonom von ver.di, Dierk Hirschel, schlussfolgerte gegenüber Wirtschaft und Gesellschaft:

“Erst hat Angela Merkel Südeuropa kaputtgespart. Dann wurde die Krise der Anderen über den Exportkanal zu unserer Krise. Jetzt zieht die Eurozone die Weltwirtschaft nach unten. Diese Krise ist politisch gemacht. Hier wiederholt sich Geschichte”

Immerhin begrüßt die WTO jedoch das Anleiheankaufprogramm der Europäischen Zentralbank. Es könnte nach Ansicht der WTO die Importnachfrage der EU stabilisieren.

Die Importnachfrage in der EU hat sich dramatisch abgeschwächt, was nach Ansicht der WTO zu weniger Intra-EU-Handel führe (“However, import demand in the European Union has weakened significantly, resulting in less trade between EU countries intra-trade”). Deutlicher wäre es wohl zu attestieren: Die Rezession in der EU bzw. Eurozone hat auch zu einer kräftigen Abschwächung der Importnachfrage der EU gegenüber Drittländern außerhalb der EU geführt und belastet daher inzwischen den Welthandel insgesamt.

Entwicklung des Intra-EU-Handels (Zur Vergrößerung auf Graphik klicken.)

Die WTO weist auf den hohen Anteil der EU am Welthandel hin: Der betrug 2011 laut WTO 35 Prozent (inklusive Intra-EU-Handel); außerdem entfielen 60 Prozent aller Importe der entwickelten Volkswirtschaften auf die EU. Wirtschaft und Gesellschaft hat genau dies mit einer ausführlichen Berechnung der Welthandelsanteile bereits im Januar 2012 problematisiert.

Dass die WTO zwar die Gefahren für die Weltwirtschaft aufzeigt, die zugrundeliegenden Handels- und Leistungsbilanzungleichgewichte und deren Ursachen jedoch ausblendet und die einseitig auf Ausgabenkürzungen zielende Austeritätspolitik in der Eurozone nicht problematisiert, ist besorgniserregend.

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