Gastgewerbeumsatz: Den Deutschen geht´s sooo gut! – Besoffen vor Freude gehen sie nicht mehr essen und trinken

Wozu noch einen trinken gehen, wenn man eh schon besoffen ist? Besoffen vor Freude. Ein wichtiges Synonym für Freude ist in der deutschen Medienberichterstattung das Wort “Kauflaune”. Zuletzt hat ein gewisser Caspar Busse damit erneut von sich und dem Einzelhandel Reden gemacht. Und man höre und staune: Dieser Caspar hat tatsächlich ein Studium der Volkswirtschaftslehre absolviert. Vielleicht hat ihm ja der anschließende Besuch “an der Georg-von-Holtzbrinck-Schule für Wirtschaftsjournalisten in Düsseldorf mit Stationen beim Handelsblatt, der Wirtschaftswoche und Sat 1″, das Bisschen, was an deutschen Wirtschaftsfakultäten noch den Namen Volkswirtschaftslehre verdient, abgewaschen. Wie ein schlechtes Stück Seife. Den Rest hat dann wohl dessen jetziger Chef Marc Beise erledigt – über dessen Qualitäten wir uns zuletzt hier verausgabt haben – , unter dem es dieser Caspar immerhin zum leitenden Wirtschaftsredakteur gebracht hat.

Und so beginnt dessen Beitrag zur “Krise im Einzelhandel“: “Die Deutschen sind in Kauflaune.” Die große Frage lautet dann: “Warum also überleben Firmen wie Praktiker, Schlecker und Hertie nicht mehr, obwohl sie auf billig setzen?” Tja. Was kann das bloß sein? Nun, ein leitender Wirtschaftsredakteur wird es uns schon erklären können. Und das ist die Erklärung des Caspars: Der deutsche Einzelhandel hat sich “zu Tode rabattiert”. Doch, gib acht: “Daraus eine grundsätzliche Krise des deutschen Einzelhandels abzuleiten, ist aber grundfalsch.” Denn: “Die Deutschen sind in Kauflaune, stellte vor kurzem die Gesellschaft für Konsumforschung fest. Die Stimmung sei so gut wie seit sechs Jahren nicht mehr. Voll sind die Fußgängerzonen in den Innenstädten, in den Apple-Shops oder den Luxusboutiquen, etwa von Louis Vuitton, drängeln sich die Kunden. Das hat viele Gründe: Die deutsche Wirtschaft läuft, die Arbeitslosigkeit ist vergleichsweise gering, die Inflation auch, die Tarifabschlüsse waren nicht schlecht. Auf der Bank gibt es sowieso so gut wie keine Zinsen, sparen ist also wenig attraktiv. All das spricht für Konsum – und die Menschen kaufen.”

Na, dann ist doch alles prima! Komisch nur, dass die Einzelhandelsumsätze seit Jahren nicht vom Fleck kommen. Vielleicht hätte der Caspar doch einmal genau hingucken sollen, was die Menschen in den Fußgängerzonen denn so bei sich tragen, volle oder leere Einkaufstaschen oder auch Schlafsäcke. Letztere führt die steigende Zahl Obdachloser mit sich, denen die Fußgängerzonen eine letzte, wenn auch unbequeme Herberge geben.

Der Caspar aber weiß: “Billig alleine reicht zum Überleben im Handel schon lange nicht mehr.” Denn: “Der Kunde sucht das viel beschworene Einkaufserlebnis.” So lässt sich freilich auch der Kreis zur einleitenden Kauflaune schließen. Denn was ist sie anderes als eine Beschwörung. Also doch ein kluger Kopf dieser Caspar?

——————————————————————————–

Wirtschaft und Gesellschaft hat jetzt auch eine facebook-Seite und freut sich über jedes “Gefällt mir”.

Sie können Wirtschaft und Gesellschaft jetzt auch auf Twitter folgen: https://twitter.com/WiuGe

——————————————————————————–

Wenn ich mir vor diesem Hintergrund auch nicht anmaßen würde, jemals zu diesem hervorragenden Wirtschaftsredakteur aufschließen zu können, so will ich doch wagen, anzunehmen, wie man als Caspar die heute vom Statistischen Bundesamt veröffentlichten Zahlen zum Gastgewerbe gedeutet hätte. Das Statistische Bundesamt meldet: “Die Unternehmen des Gastgewerbes in Deutschland setzten im Mai 2013 nominal 1,7 % und real 3,8 % weniger um als im Mai 2012. Wie das Statistische Bundesamt (Destatis) weiter mitteilt, war im Vergleich zum Vormonat der Umsatz im Gastgewerbe im Mai kalender- und saisonbereinigt nominal und real jeweils um 2,2 % niedriger.”

Naheliegend finde ich jedenfalls dessen oben aufgegriffene Analyse zur Krise im Einzelhandel für die Krise im Gastgewerbe so fortzuspinnen, dass die Menschen vor lauter Kauflaune einfach nicht den Weg aus den Fußgängerzonen finden und so das Gastgewerbe leider leer ausgeht. Liebes Gastgewerbe, nun gerate aber bitte nicht in Panik und fange an zu “rabattieren”. Denn seit Caspar Busse wissen wir, dass man dabei sehr wohl zu Tode kommen kann.

Wer trotz dieser, Caspar Busse sei Dank, ungemein tiefschürfenden Analyse noch mehr Hintergrund zur Entwicklung im Einzelhandel und im Gastgewerbe sucht, der sei mit folgenden Leseempfehlungen getröstet:

OECD korrigiert eigene Prognose nach unten – und begeht gleich nächsten Fehler

Medien/Deutschlandfunk: “Die Deutschen kaufen was das Zeug hält”

Konjunktur/Deutschland: Miss Makro oder Miss Tarot?

Noch schlechter als dem Gastgewerbe geht es vielen dort Beschäftigten

“Kauflust” vielleicht aber offensichtlich keine “Kohle”

 


Dieser Text ist mir etwas wert


Verwandte Artikel: