Inflationstheater

Der Chef vom Dienst des Handelsblatts, Stefan Menzel, meinte gestern Abend tatsächlich: “…die Inflation legt stark zu…” Über die Preisentwicklung in der Europäischen Währungsunion (EWU) schreibt er:

“Die Inflation in der Euro-Zone jedenfalls hat in den vergangenen Wochen wieder kräftig zugelegt. Von einer drohenden Deflation spricht niemand mehr. Vielmehr geht es jetzt darum, dass die Inflationsrate nicht zu schnell zu sehr zulegt.”

Was ist bloß aus dem Handelsblatt geworden? Ein ehemals staubtrockenes, aber seriöses Finanzblatt hat sich selbst zu einem Spaßblättchen degradiert.

Als Grundlage für sein Inflationstheater dient Menzel eine Schnellmeldung des Europäischen Amts für Statistik, Eurostat. Die aber besagt: Die jährliche Inflationsrate in der EWU ist im Mai um voraussichtlich 0,3 Prozent gegenüber Vorjahresmonat gestiegen. Zur Erinnerung: Das Inflationsziel der Europäischen Zentralbank (EZB) lautet “unter, aber nahe zwei Prozent”. Die EZB hätte also noch viel zu tun, wollte sie das Inflationsziel auch nur mittelfristig wieder erreichen. Weil ihre eigenen wirtschaftspolitischen Empfehlungen – staatliche Ausgabenkürzungen, Lohnsenkungen, Abbau von Arbeitnehmerrechten – ihre expansive Geldpolitik konterkarieren, besteht jedoch wenig Aussicht, dass die EWU in absehbarer Zeit das Inflationsziel wieder erreichen wird. In diesem Widerspruch von Geld- und Wirtschaftspolitik liegt der zentrale Unterschied zur Politik und Entwicklung in den USA, wie wir an anderer Stelle bereits des Öfteren ausführlicher analysiert und aufgezeigt haben. Insofern ist auch dieser Aussage Menzels mit Skepsis zu begegnen. Sie offenbart aber vielleicht, welcher Wunsch hier Vater von Menzels Gedanken ist:

“Das Anleihe-Kaufprogramm der Europäischen Zentralbank scheint schneller zu wirken als erwartet…Vielleicht muss die EZB schon in nächster Zeit ihre Anleihe-Käufe zurücknehmen.”

In diesem Zusammenhang ist es interessant, dass Eurostat ebenfalls gestern die Entwicklung der Erzeugerpreise für die Industrie in der EWU für den Monat März veröffentlicht hat. Die Entwicklung war negativ (-2,2% gegenüber Vorjahresmonat; -0,1% gegenüber Vormonat). Das Statistische Bundesamt erläutert zur Bedeutung der Erzeugerpreise (kursive Hervorhebung, WuG):

“Der Index misst die Entwicklung der Preise für die vom Bergbau, vom Verarbeitenden Gewerbe sowie von der Energie- und Wasserwirtschaft in Deutschland erzeugten und im Inland verkauften Produkte. Er stellt damit die Preisveränderungen in einer frühen Phase des Wirtschaftsprozesses dar. Erhebungsstichtag ist jeweils der 15. des Berichtsmonats.”

Die Erzeugerpreise waren in der größten Volkswirtschaft der EWU auch im April negativ (siehe hier).

Wir haben den Zusammenhang zwischen der Entwicklung der Erzeugerpreise und der Verbraucherpreise bereits des Öfteren analysiert (siehe zuletzt hier). Von daher kann gar keine Rede davon sein, dass niemand mehr von einer drohenden Deflation spricht, wie Menzel meint. Das gilt allenfalls für deutsche ÖkonomInnen und deutsche WirtschaftsjournalistInnen, für die seit jeher nur Inflation, nicht aber Deflation ein Thema ist. Sobald man aber internationales Parkett betritt, weitet sich der Horizont. Insofern ist das Handelsblatt nicht nur zu einem Spaßblättchen geworden, sondern auch zu einem Provinzblättchen.

Selbst wenn man die Preisentwicklung für Energie herausnimmt, schätzt Eurostat die Verbraucherpreisentwicklung im Mai auf 1,0 Prozent. Ein Anstieg gegenüber dem Vormonat um 0,3 Prozentpunkte. Das gilt auch für den Gesamtindex. Angesichts der weiterhin schwachen Wirtschaftsentwicklung in der EWU (1% gegenüber Vorjahresquartal im 1. Quartal 2015) ist nicht davon auszugehen, dass Inflation in absehbarer Zeit zu einem ernst zu nehmenden Thema werden wird. Erfahrungsgemäß wird dies Politik und Medien in Deutschland nicht daran hindern, das Thema dennoch aufzubauschen.

Deflation wiederum ist in vielen Euroländern bittere Realität (siehe hierzu die Graphik in der Meldung von Eurostat vom 19. Mai 2015). Vor diesem Hintergrund ist diese Einschätzung Menzels geradezu komisch: “Vielmehr geht es jetzt darum, dass die Inflationsrate nicht zu schnell zu sehr zulegt.”

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