US-Leitzins: Deutsche Medien missverstehen US-Zinsentscheidung als Mutprobe

English Summary: German journalists in some of the most established German newspapers and radio stations fundamentally misunderstand the decision of the Federal Reserve Bank not to raise the key interest rate yet. They misinterpret it as a trial of courage. Their arguments reveal serious deficits in German journalism, particularly in economic and financial journalism with far reaching consequences for Europe, too.

Die deutschen Medien disqualifizieren sich nicht erst seit gestern durch fehlende Analyse, eintönige, von Herdenverhalten gekennzeichnete Berichterstattung und oberflächliche, häufig ideologisch motivierte Meinungen. Die Kommentare zur US-Zinsentscheidung unterstreichen diese für den deutschen Journalismus negative Bilanz noch einmal fett. “Angst vor der Weltrezession”, titelt “Die Zeit”, in der Mark Schieritz seinen Kommentar mit dem Satz beginnt: “Sie hat es nicht gewagt.” Ins gleiche Horn stößt die öffentlich-rechtliche “Deutsche Welle”, in der Andreas Rosteck unter der Übeschrift kommentiert: “Angst vor der eigenen Courage”. “Der Spiegel” online titelt mit Marc Pitzke: “Yellen kneift”. Holger Tschäpitz in “Die Welt”: “Die Präsidentin der US-Notenbank hat sich nicht getraut”. Astrid Dörner gibt sich im “Handelsblatt” wiederum “überrascht”. Gerade die letzteren beiden liefern noch dazu eine äußerst fragwürdige Analyse.

Das Handelsblatt zitiert Janet L. Yellen – die zitierten Worte finden sich aber gar nicht in ihrem Pressestatement: “Ein Großteil unserer Aufmerksamkeit lag auf Risiken rund um China und den Schwellenländern.” Zu China hat Yellen aber lediglich angemerkt: “The outlook abroad appears to have become more uncertain of late, and heightened concerns about growth in China and other emerging market economies have led to notable volatility in financial markets.” (Der Ausblick auf das Ausland scheint zuletzt unsicherer geworden zu sein, und die größeren Sorgen über das Wachstum in China und in anderen aufstrebenden Marktwirtschaften haben zu erheblichen Schwankungen an den Finanzmärkten geführt.)

Das Handelsblatt meint dennoch: “Dass dieses Argument die Zinsentscheidung geprägt hat, erscheint ungewöhnlich.” Und: Die Lage am Arbeitsmarkt wäre “in den Hintergrund” getreten. Das aber ist grundfalsch. Yellen stellte die Situation am Arbeitsmarkt gleich zu Beginn mit in den Mittelpunkt, als sie eine Zinswende von “weiteren Verbesserungen” am Arbeitsmarkt abhängig machte. Die Erreichung des Inflationsziels wiederum stellte Yellen zumindest indirekt auch in den Zusammenhang mit der weiterhin trotz aller Erfolge nicht zufriedenstellenden Entwicklung am Arbeitsmarkt, dann nämlich, als sie unter anderem auf eine unbefriedigende Lohnentwicklung verwies (“While the unemployment rate is close to most FOMC participants’ estimates of the longer-run normal level, the participation rate is still below estimates of its underlying trend, involuntary part-time employment remains elevated, and wage growth remains subdued.”).

Noch unsachlicher ist Tschäpitz in “Die Welt”. Er fantasiert darüber, dass die Stellung der amerikanischen Notenbank (Fed) infrage stünde und darüber, dass die Fed ihr Mandat neuerdings “weiter gefasst” habe, weil sie “den Zustand der Weltwirtschaft mit in ihre Geldpolitik” einbeziehe. Das ist aber nun wirklich nicht neu. Würde die Fed dies nicht tun, könnte sie ihrer Verantwortung für die USA gar nicht gerecht werden. Das erklärte Yellen wiederum einleitend und ganz unmissverständlich auf ihrer Pressekonferenz gestern: “… recent global economic and financial developments are likely to put further downward pressure on inflation in the near term.  These developments may also restrain U.S. economic activity somewhat but have not led at this point to a significant change in the Committee’s outlook for the U.S. economy.”

Kein Wunder, dass es den zitierten Zeitungen und Radiosendern nicht gelingt, auch die europäische Geld- und Wirtschaftspolitik sachlich zu hinterfragen; dabei hätte das hohe didaktische Niveau von Yellen die angesprochenen Journalisten längst auf den Pfad der Erkenntnis zurückführen können: Der Arbeitsmarkt als zentraler Maßstab für die Bewertung der Konjunktur, der Zusammenhang von Arbeitsmarkt, Lohnentwicklung und Inflation. Nichts davon haben die angesprochenen Journalisten im Kopf. Ein weiterer trauriger Tag für den deutschen Journalismus im Allgemeinen und den deutschen Wirtschaftsjournalismus im Besonderen.

Siehe auch unsere Analyse und korrekte Vorhersage zur US-Zinsentscheidung hier (im Abonnement).


Dieser Text ist mir etwas wert


Verwandte Artikel: