Assad-Interview, Thomas Aders, Deutscher Journalistenverband: “Sachliche und faire Berichterstattung”?

Im Nachklang des Interviews, das Thomas Aders für die ARD mit dem syrischen Staatspräsidenten Baschar al-Assad geführt hat, wurde in den “Deutschen Wirtschaftsnachrichten” (DWN) der Vorwurf laut, Aders habe in einem Gespräch mit einem ARD-Moderator sein eigenes Interview mit Assad falsch wiedergegeben. Ich habe diesen Vorwurf anhand der Originalquellen, auf die die DWN verweisen, geprüft und als berechtigt befunden (siehe vor allem hier das Interview im Wortlaut und das auf derselben Seite eingestellte Video). Daraufhin habe ich am 3. März einen tweet an die Adresse von Aders gesendet und ihn gefragt:

Thomas Aders, warum entwerten Sie Ihr eigenes Interview und verbreiten falsche Nachrichten? (http://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2016/03/02/ard-verdreht-assad-aussagen-aus-eigenem-interview/) @aders_weltweit“.

Bis jetzt habe ich von ihm keine Antwort auf diesen tweet erhalten. Während ich diese Zeilen zu Papier bringe, am 5. März, wirft mir Aders jedoch vor: “Warum sagen Sie nicht, dass ich geantwortet habe? Möglicherweise spielt das keine Rolle? MfG.” Es wäre der erste tweet der geschrieben worden ist und mich – zumindest wissentlich – nicht erreicht! Das ist schon fast so dubios wie der Umgang durch Aders mit seinem eigenen Interview.

Selbstverständlich habe ich Aders sogleich nachdem ich seinen tweet geöffnet hatte darüber informiert, dass mich seine vermeintliche Antwort nicht erreicht hat und ihn darum gebeten, mir seine Antwort zu senden (siehe hier und noch einmal hier).

Losgelöst von diesem Sachstand, über dessen Entwicklung ich Sie auf dem Laufenden halten werde, habe ich darüber hinaus den Deutschen Journalistenverband (DJV), wiederum am 3. März über twitter, gefragt: “Fragt in dieser Sache auch @DJVde nach und nimmt dazu Stellung?” und meinen tweet an Aders dazu in den tweet eingefügt (siehe hier).

In der Präambel des Grundsatzprogramms des DJV heißt es einleitend immerhin: “Den aus dem Grundgesetz Presse und Rundfunk verbrieften Rechten muss die Pflicht der Journalistin und des Journalisten zu einer sachlichen und fairen Berichterstattung entsprechen.”

Die Antwort des DJV ließ lange auf sich warten. An der Qualität der Antwort des DJV kann dies jedenfalls nicht gelegen haben, vielleicht eher daran, dass das Thema numehr erste Reaktionen hervorgerufen hatte. Der DJV antwortete am 4. März – nachdem ich bei ihm nochmals in der Angelegenheit nachgehakt hatte – doch tatsächlich: “Ob das Interview mit Assad in der ARD gut oder schlecht war, entscheiden die Zuschauer, nicht wir.” Meine Antwort auf diese schräge Stellungnahme des DJV war dann diese: “Darum geht es in diesem Fall nicht, sondern darum, ob/dass @Aders_weltweit sein eigenes Interview gefälscht hat.

Der DJV ist darauf bis jetzt nicht eingegangen. Das muss jedem, der an “einer sachlichen und fairen Berichterstattung” interessiert ist, Sorge bereiten. Denn an der grundsätzlichen Relevanz des sachlichen und fairen Umgangs mit einem Interview – das ich im übrigen hervorragend geführt finde – kann es keinen Zweifel geben; das gilt umso mehr in einem so sensiblen Fall wie dem des Kriegs in Syrien.

Dass Aders an dieses Thema nicht vorbehaltlos herangeht, zeigt ein weiteres Gespräch, das er mit Phoenix geführt hat und mit dem wiederum sein Interview mit Assad eingeleitet wurde (siehe hier). Dies wird meines Erachtens spätestens dann deutlich, als Aders zum Ende des Interviews die Frage des Phoenix-Moderatoren beantwortet: “Welchen Eindruck haben Sie persönlich von Präsident Assad?”

Dass sein Interview mit Assad dennoch so aufklärerisch wirkt, ist eben dem Wesen eines Interviews geschuldet: der Journalist kann nur die Fragen stellen, die Antworten aber nicht manipulieren. Der Interviewte kann nur die Antworten geben, nicht aber die Fragen manipulieren (dass dies zumindest beim Interview mit Assad gewährleistet war, drückte Aders explizit u.a. mit diesen vielsagenden Worten aus: “Das Interview als solches ist komplett unzensiert gelaufen. Es gibt keinerlei einzige Einschränkung. Nicht einmal meinen Fragenkatalog musste ich vorlegen. Das ist etwas, was man nicht von jedem Bundestagsabgeordneten behaupten kann.“).

Aus einem solchen Interview heraus kann der Leser, Zuhörer oder Zuschauer dann in der Tat “am Prozess der demokratischen Meinungs- und Willensbildung teilnehmen”, wie es sich der DJV vom Anspruch her gleich im ersten Absatz seiner Präambel auch zu eigen macht. Gerecht zu werden scheint der DJV diesem Anspruch aber wohl allenfalls nur sehr bedingt, wie seine Antwort oben zeigt. Das scheint mir vor dem bis jetzt bekannten Hintergrund auch für Aders zu gelten, was seine über das Interview hinaus gehende Kommentierung und den Umgang mit meiner an ihn gerichteten Frage anbelangt. Gerade habe ich noch einmal nachgeschaut. Bis jetzt hat mich keine Antwort von Aders erreicht.

Nachtrag vom 6. März 2016: Siehe jetzt die heute von Thomas Aders veröffentlichte Stellungnahme und meinen Beitrag hierzu hier.


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