Zitat und Statistik des Tages/Armin Schild/Tariflöhne/Mindestlohn/Verteilungsspielraum: Sollte sich ein gesetzlicher Mindestlohn an der Tariflohnentwicklung orientieren?

Niemand will, insbesondere auch die IG Metall und andere Gewerkschaften wollen nicht, dass der Mindestlohn zukünftig die Vorgabe für Tarifverhandlungen ist. Ganz im Gegenteil! Die Mindestlohn-Entwicklung in Deutschland muss zukünftig der Entwicklung der Tarifverträge folgen und nicht die Tarifverträge sich an einem politisch festgesetzten Mindestlohn orientieren…wie die zuvor abgeschlossenen Tarifverträge über alle Branchen im Durchschnitt sich auch entwickelt haben. Ich will es noch mal deutlich sagen: Der Mindestlohn muss den erfolgten Tarifabschlüssen folgen und ist nicht die Vorgabe für kommende Tarifabschlüsse. Nur so wird ein Schuh daraus…

IG-Metall-Bezirkschef Armin Schild im Interview mit dem Deutschlandfunk (fette Hervorhebung, T.H.)

Wie aber haben sich die Tariflöhne “über alle Branchen” zuletzt entwickelt? Das Statistische Bundesamt weist für den Zeitraum 1. Quartal 2010 bis 2. Quartal 2013 Indizes der Tarifverdienste aus, darunter den “Index der tariflichen Stundenverdienste ohne Sonderzahlungen” und den “Index der tariflichen Stundenverdienste mit Sonderzahlungen” für die Gesamtwirtschaft. Die Graphik unten zeigt die daraus berechneten Veränderungsraten gegenüber dem Vorjahreswert. Darüber hinaus weist das Statistische Bundesamt in seiner Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung unter anderem die Bruttolöhne und -gehälter je Arbeitnehmerstunde für die Gesamtwirtschaft aus. Die Graphik unten zeigt auch die daraus berechneten Veränderungsraten für die Gesamtwirtschaft. Das Ergebnis für den abgebildeten Zeitraum zeigt, dass sich die tariflichen Stundenverdienste “über alle Branchen” schlechter entwickelt haben als die Bruttolöhne und -gehälter je Arbeitnehmerstunde insgesamt (Linien). Im Zeitraum 1. Quartal 2010 bis 2. Quartal 2013 sind die tariflichen Stundenverdienste ohne Sonderzahlungen um 6,6 Prozent gestiegen, die tariflichen Stundenverdienste mit Sonderzahlungen um 12,8 Prozent, die Bruttolöhne und -gehälter je Arbeitnehmerstunde um 22 Prozent (Anmerkung vom 26.11.2013: Siehe hierzu jetzt auch die hervorragende Kritik von Johannes Stramme). Die Balken in der Graphik zeigen wiederum inwieweit der Verteilungsspielraum ausgeschöpft wurde. Die Entwicklung des Mindestlohns von der Entwicklung der Tariflöhne abhängig zu machen erscheint allein schon wegen dieser Entwicklung alles andere als empfehlenswert. Darüber hinaus ist es aber auch aus anderen Überlegungen heraus weder sinnvoll, den Mindestlohn den Tariflöhnen folgen zu lassen, noch den Mindestlohn durch eine Tarifkommission festlegen zu lassen. Jedenfalls solange nicht, solange die Arbeitnehmer durch die mit der Agenda 2010 durchgesetzten Arbeitsmarkt-”Reformen” gegenüber der Arbeitgeberseite geschwächt sind. Vielmehr ist von einem gesetzlich festgelegten Mindestlohn, der sich nach der Produktivitätsentwicklung “über alle Branchen” plus dem Inflationsziel der Europäischen Zentralbank richtet, ein positiver Einfluss auf die Tariflöhne zu erwarten – nicht umgekehrt. Dass Armin Schild weder das Wort Produktivität, noch das Wort Verteilungsspielraum in seiner Argumentation führt und diese Größen im Zusammenhang mit den Tarifabschlüssen wie im Zusammenhang mit der generellen Lohnentwicklung problematisiert, ist befremdlich.

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Hintergrund:

Wirtschaftsleistung im dritten Quartal: Verteilungsspielraum ausgeschöpft? (im Abonnement)

Der Mindestlohn als sinnvolles Instrument gesamtwirtschaftlicher Steuerung (im Abonnement)

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