Arbeitszeit: Deutschlands Rückkehr zur 50-Stunden-Woche

Auch die folgenden Zahlen, die das Statistische Bundesamt heute veröffentlichte, wird die Meinungsmacher in Politik und Medien nicht davon abbringen, die deutschen “Reformen” (Agenda 2010), als Erfolg zu feiern, für unbedingt notwendig zu erachten und sie anderen Ländern aufzudrängen: “Frauen, die in der Haupttätigkeit in Vollzeit arbeiteten, leisteten insgesamt in beiden Tätigkeiten durchschnittlich 46,9 Stunden (Männer 50,1 Stunden).” Die Mehrheit der hiervon betroffenen Deutschen ist natürlich nicht zur 50-Stunden-Woche zurückgekehrt, weil den Menschen nichts anderes mehr einfällt, als zu arbeiten, sondern, weil ein Job allein nicht mehr ausreicht, um die Existenz zu sichern oder den gewohnten Lebensstandard zu erhalten oder gar zu verbessern. Auch diese Kennziffer macht daher unmissverständlich deutlich, worauf das vermeintliche deutsche “Jobwunder” und die vermeintliche wirtschaftliche Stärke Deutschlands beruhen:

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Immer mehr Menschen müssen für immer weniger Geld arbeiten und sehen sich daher dazu gezwungen, neben der gewohnten Tätigkeit zusätzliche Arbeit anzunehmen.

Im Ergebnis hat dies, wie die Arbeitskräfteerhebung des Statistischen Bundesamts bestätigt, für viele Menschen zu einer gewaltigen Ausdehnung der individuellen Arbeitszeit geführt. Die Zahl der davon Betroffenen hat sich laut Statistischem Bundesamt allein seit 2011 um knapp 13 Prozent erhöht und lag 2014 bei 5 Prozent aller Erwerbstätigen.

Dieses Ergebnis ist die zwingende Folge des der Agenda 2010 zugrundeliegenden, falschen Verständnisses vom Arbeitsmarkt, das davon ausgeht, Arbeitsplätze würden durch “flexible”, also niedrige Löhne, “flexible” Beschäftigungsmodelle (Minijobs, Leiharbeit, Zeitarbeit etc.), also ebenfalls zu Lasten der Arbeitnehmer, und dem Zwang (Hartz IV) jede Arbeit, unabhängig von der beruflichen Qualifikation und der Entlohnung, annehmen zu müssen, geschaffen. Arbeitslosigkeit und Beschäftigung sind aber – wie wir immer wieder nachgewiesen haben (siehe zuletzt ausführlich hier) – die Kehrseiten derselben Medaille: der Konjunktur. Die aber wurde und wird gerade durch jenes falsche Verständnis vom Arbeitsmarkt und der daraus abgeleiteten Politik belastet, weil die Lohnentwicklung durch sie gebremst wird. Die Löhne aber stellen das mit Abstand größte Nachfrageaggregat der Volkswirtschaft dar: Fällt ihre Entwicklung hinter die des Verteilungsspielraums (Produktivitätsentwicklung plus Inflationsziel der Europäischen Zentralbank) zurück, geht dies zulasten von Wachstum und Beschäftigung und zulasten der Länder, die eine verteilungsneutrale Lohnpolitik verfolgen. Das Arbeitsvolumen – die Arbeitszeit aller Erwerbstätigen – hat sich daher auch kaum bewegt bzw. liegt es sogar unter dem Niveau von 1991 (1991: 52,1 Mio. Arbeitsstunden; 2014: 49,8 Mio. Arbeitsstunden).

Die Jobs, die jene Menschen laut der Arbeitskräfteerhebung des Statistischen Bundesamts zusätzlich ausüben (müssen), sind daher nicht Ergebnis eine erfolgreichen Wirtschaftsentwicklung, sondern Ausdruck einer wirtschaftlich kontraproduktiven, menschen- und gemeinwohlfeindlichen Wirtschaftspolitik. Ein Grund mehr, sollte man meinen, dass die Länder widersprechen, denen deutsche Politik und deutsche Medien meinen, eben jene Arbeitsmarktpolitik als Erfolgsrezept aufdrängen zu dürfen (siehe dazu zuletzt hier).

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